Heiko Mell

Zweierlei Maß

Antwort:

Unternehmen legen die Messlatte, die ein Bewerber überspringen muss, ziemlich hoch. Alle Unternehmen. Man könnte diese Strenge bei der Auswahl sogar verstehen.

Könnte man. Wäre da nicht eine Erkenntnis, die sich bei der Analyse der abgelehnten Bewerber zwingend ergibt: Diese sind heute alle irgendwo beschäftigt. Bei Arbeitgebern, die dem jetzt suchenden gleichen wie ein Ei dem anderen. Und morgen, beim nächsten Fall, sind dann prompt auch Kandidaten von dem Unternehmen dabei, das heute nur Super-Top-Leute sucht. Und auch diese Kandidaten, wie die vielen anderen aus den anderen Häusern, erfüllen fast alle die Anforderungen nicht!

Schön, die ausgeschriebene Position mag etwas höher angesiedelt sein als die, aus denen die Interessenten kommen. Aber das erklärt das Phänomen nicht: Sehr, sehr viele Bewerber entsprechen absolut nicht den Anforderungen, die ihre heutigen Arbeitgeber an neue Leute stellen. Die Firmen würden also ihre eigenen Leute als Bewerber niemals akzeptieren!

Und das gilt selbst dann, wenn man berücksichtigt, dass es immer Idealvorstellungen gibt, von denen man in der täglichen Praxis Abstriche macht. Nein, gemessen am definierten Standard einstellender Unternehmen – der ziemlich pauschal für nahezu alle gilt (den jeweiligen Spitzenkandidaten des Bewerberfeldes wollen stets auch andere suchende Unternehmen einstellen) – kann man nur verblüfft fragen: Wer hat dort die heute in solchen Positionen tätigen Mitarbeiter eingestellt bzw. wer hat sie dort hineinbefördert?

Oder falls diese heute dort tätigen Mitarbeiter, deren repräsentativer Querschnitt die Bewerber sein dürften, völlig anforderungsgerecht sind: Was für überzogene Anforderungen stellen die Unternehmen dann beispielsweise ausgerechnet an das neue 101. Mitglied eines bisher hundertköpfigen Teams?

Irgendwie stimmen da die Relationen nicht. Und falls die Wahrheit doch darin liegt, dass es dringend erforderlich ist, den Qualifikationsdurchschnitt der Belegschaft anzuheben: Dann durchleuchten Sie, geehrte Chefs, doch zunächst einmal Ihre vorhandenen Mitarbeiter nach Maßstäben, die Sie bei einer Neubesetzung der Positionen anlegen würden – und tun Sie etwas für deren Qualifizierung. Oder Sie sind bei Bewerbern mit solchen zufrieden, die den vorhandenen Leuten gleichen. Alles andere ist unlogisch, teuer und frustrierend. Und nützt nichts: Der eine Neue alle paar Jahre bringt’s doch nicht.

Und als kleiner Stachel: Viele der abzulehnenden Bewerber kommen von „ersten Adressen“, denen man höchste Ansprüche auf allen Gebieten nachsagt. Wie sind diese Mitarbeiter gerade da hingekommen? Und wie so weit hinauf?

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 58
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-01-19

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI-Nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI-Nachrichten.

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