Heiko Mell

Stallgeruch

Antwort:

„Sie haben“, sagte die wegen einer ausgeschriebenen Führungsposition anrufende potenzielle Bewerberin, „gar keine Frist in die Anzeige geschrieben, bis wann man sich bewerben kann.“ Und irgendwie klang das vorwurfsvoll.

Nun hatte ich das tatsächlich nicht, da hatte die Dame Recht. Aber ich mag irgendwie keine Vorwürfe. „Kein Mensch“, erklärte ich, souverän über den Dingen und auf dem Podest von 35 Jahren Praxis stehend, „setzt Fristen in Stellenanzeigen, wozu auch. Man liest vorhandene Zuschriften, wählt aus, lädt ein, hat seine Erfahrungswerte – und wer zu spät kommt, hat Pech gehabt.“

Sie aber war keine von denen, die leicht aufgeben. Und sie kannte angeblich nur Anzeigen mit Fristen. Natürlich, endlich dämmerte es mir: der öffentliche Dienst. Man liest das mitunter, da stehen dann Fristen in Anzeigen. Ich weiß nicht, wozu die da sind – vermutlich Vorschriften, schließlich lebt der öffentliche Dienst davon oder damit. Irgendwie.

Was blieb, war klar: keine von uns, die Dame. Kommt aus einer anderen Welt. In der die BAT-Gruppe alles ist und die Zahl der Kinder das Gehalt beeinflusst. Aber bloß keine Wertung hier und jetzt. Umgekehrt hätte ich sicher auch Vorbehalte hervorgerufen mit meiner Bewerbung dort. Falls ich mich dazu überhaupt hätte aufraffen können: Frauen werden lt. Anzeigen bevorzugt, Schwerbehinderte werden bevorzugt, was wäre mir da an Chance geblieben?

Er hätte derzeit eine Verwendung als Fachreferent, meinte ein anderer Interessent und wollte damit seine Qualifikation unterstreichen, betonte aber eher seinen „falschen“ Stallgeruch. Niemand sagt bei uns „Verwendung“ – aber (Zeit-)Offiziere der Bundeswehr sprechen so. Jedenfalls solange sie noch nicht endgültig in die freie Wirtschaft integriert sind. Oh, es spricht gar nichts gegen Zeitoffiziere, aber wenn man diese Herkunft nicht gleich als erstes nennen, sondern erst einmal als „interessant“ eingestuft werden und ins Gespräch kommen will, dann darf man nicht so anfangen, man „outet“ sich sonst vorschnell als Außenseiter.

Oder die triumphierende Betonung spezifischer Erfahrungen „sogar aus dem internationalen Großanlagenbau“, wenn es um eine Position in der Kfz-Zulieferindustrie geht. Beziehungsweise eher nicht geht, weil Riesenaufträge mit kleinsten Stückzahlen und höchsten Stückkosten nie zu Großserien passen, in deren Bereich über den Zehntel Pfennig pro Stück rauf und runter gerungen wird. Schon gar nicht, wenn man den Gegensatz auch noch stolz (und Unwissen demonstrierend) vorab betont.

Fazit: Das Metier, das allgemeine Image von Arbeitgebern, die berufliche Umwelt, die Branche sind Teil der eigenen Qualifikation. Sie prägen die Erfahrungen – und damit auch entscheidend den Marktwert. „Grenzüberschreitungen“ sind möglich, wenn auch oft schwer. Wer das riskieren will – oder muss -, sollte aber unbedingt wissen, was ihn „dort drüben“ erwartet. Und er sollte sich so weit vorbereiten, dass er nicht bereits beim allerersten Kontakt demonstriert, in welch gravierendem Umfang er „anders“ ist, denkt und spricht als die Zielgruppe.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 54
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-12-15

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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