Heiko Mell

Und plötzlich wollen alle „sehr gut“ sein

Antwort:

In der Zeit zwischen Schul- beziehungsweise Studienabschluss und den internen Personalbeurteilungen am Arbeitsplatz scheint eine wundersame Vermehrung von Leistungsstärke stattzufinden. Jedenfalls glauben viele Mitarbeiter daran. Und zwar mit großer Bestimmtheit.

Das Phänomen lässt sich so beschreiben: Beim Abitur oder der Fachhochschulreife und beim Examen hatte der Mitarbeiter diverse „befriedigende“ Noten erzielt – mit denen er offensichtlich auch ganz zufrieden war und weiterhin ist. Jedenfalls äußern sich beispielsweise Bewerber kaum zerknirscht oder selbstkritisch darüber. Sie erwarten, dass auch ihr Gesprächspartner diese Resultate anerkennend akzeptiert. Übrigens heißt „befriedigend“, dass da noch zwei bessere Wertungen gewesen wären, die aber nicht erreicht wurden. Kein Problem – in den Augen der Betroffenen.

Werden dann aber innerbetriebliche Beurteilungen oder gar Arbeitszeugnisse diskutiert, kommt eine ganz andere Anspruchshaltung zutage: Bestwertungen sind plötzlich Norm, zweitbeste Urteile werden nur unter Protest hingenommen, drittbeste (mit zwei nicht erreichten besseren Stufen) waren ebenso falsch wie ungerecht.

Nun lässt sich trefflich streiten, ob das denn unbedingt dieselben Leute sein müssen, die im Examen eine Eins hatten und im Arbeitszeugnis den Spitzenwert erreichen. Das ist nicht nur ein anderes Thema, darauf kommt es mir hier überhaupt nicht an. Aber: Das Prinzip ist identisch! Die „Noten“-Verteilung geht hier wie da ungefähr nach der Gauß’schen Häufigkeitsverteilung. Was schlicht bedeutet: Top-Arbeitgeberbeurteilungen sind in etwa so häufig wie Einser-Examen. Und letztere sind recht selten.

Es dürften also nicht mehr Mitarbeiter die ihnen angeblich zustehende, aber versagt gebliebene Spitzenbeurteilung durch den Chef reklamieren als Studenten ein nicht gewährtes Sehr gut in der Gesamtnote trotzig einfordern. Letzteres geschieht so gut wie nie – was also Maßstab sein muss. Und: Es gibt ebenso viel „Durchschnitt“ später in der Praxis wie früher beim Studium (auch wenn das nicht unbedingt dieselben Leute sein müssen).

Oder anders: In beiden Fällen ist ein anforderungsgerechtes Verhalten in der Zeit vor dem Urteil die solideste Basis, um positive Extremwerte zugesprochen zu bekommen. Wobei „anforderungsgerecht“ im Studium deutlich weniger komplex ist als in der Praxis. Immerhin gibt es zum Ausgleich diese informierende Serie …

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 51
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-11-24

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