02.01.2016, 13:47 Uhr

Mein Chef hat mir versprochen …

Wenn ich das schon höre! Na gut, sagen wir, dann muss ich tief durchatmen. Denn ich weiß natürlich, was dann kommt: Das Versprechen wurde nicht gehalten. Schande über den Chef.

Antwort:

Warum, würde sich der Laie fragen, machen Chefs so etwas? Das jeweilige Versprechen setzt den Begünstigten unter Erwartungsdruck, der sich erst in immer deutlicheren Forderungen in Richtung „Einhaltung der Zusage“ äußert und am Ende in Enttäuschung bis Wut umschlägt. Also warum tut der Chef es trotz dieser schlechten Erfahrungen, die er und andere damit gemacht haben müssten?Die Antwort ist ganz einfach: Er tut es gar nicht, jedenfalls nicht annähernd so oft wie es ihm hinterher (wenn nichts dabei herausgekommen ist) vorgeworfen wird. Unterschiedliche Konstellationen führen zu dem beschriebenen Ergebnis. Und beide Seiten tragen die Schuld an der Misere, in jedem Fall auch der Mitarbeiter, der da glaubte, auf klare Zusagen bauen zu können. Aber auch der Chef, der ruhig noch ein bisschen klarer formulieren könnte, wenn er etwas „zusagt“!Vieles kann der Chef gar nicht versprechen, weil die Erfüllung nicht in seiner Macht liegt. Klassisches Beispiel: seine Nachfolge beim altersbedingten Ausscheiden. Die hier greifende Regel ist ebenso einfach wie eisern: Ein Vorstand ernennt keine Vorstände, ein Bereichsleiter keine Bereichsleiter und ein Abteilungsleiter keine solchen. Wer Nachfolger des Vorstandsmitgliedes werden will, braucht den Segen des Aufsichtsrats, wer einem Abteilungsleiter nachfolgen will, braucht das Einverständnis des diesem vorgesetzten Bereichsleiters usw.Wer also glaubt, eine Führungskraft habe ihm die Nachfolge „versprochen“, irrt. Er irrt sogar, wenn sein Chef tatsächlich gesagt haben sollte: „Ich verspreche Ihnen, dass Sie mein Nachfolger werden. Sie können sich darauf verlassen.“ Diese „verbindliche Zusage“ wäre ebenso viel wert wie jene, dieses Jahr schneie es an Weihnachten.Hinzu kommt: Chefs wissen das alles auch. Und sie wissen vor allem, wie gefährlich enttäuschte Hoffnungen sind. Also werden sie sich hüten, so konkrete Festlegungen außerhalb ihrer Kompetenzen zu treffen.Oh, sie sagen schon etwas, was naive Zeitgenossen als Versprechen interpretieren können, aber sie lassen sich dabei stets ein Hintertürchen offen. So, wie es unter 2. beschrieben wird. Und der Mitarbeiter speichert erfahrungsgemäß, was er hören wollte.2. Anderes könnte der Chef vielleicht sogar versprechen, weil es weitgehend in seine Kompetenz fällt. Gehaltserhöhungen, Erteilung von Vollmachten, gute Zeugnisse beim Ausscheiden, Übertragung interessanter Projekte beispielsweise.Aber die erste Einschränkung liegt darin, dass diese Dinge nur „weitgehend“ in seine Kompetenz fallen. Das bedeutet, irgendjemand mischt dabei mit, muss auch noch zustimmen, hätte Veto-Recht. Infrage kommen die Chefs der Chefs, die Personalabteilung, die Muttergesellschaft oder der Konzernvorstand. Und schon gilt wieder das, was unter 1. gesagt wurde. Ausnahmen gelten für Unternehmensinhaber, aber die sind nach meiner Erfahrung gerade in diesem Bereich besonders zurückhaltend.Die zweite Einschränkung liegt darin, dass Chefs im Allgemeinen zu klug sind, jetzt einen „Berechtigungsschein“ auszustellen, der ihnen irgendwann in der Zukunft präsentiert wird. Sie sagen nicht „Ich verspreche Ihnen“ oder gar „Ich garantiere Ihnen“, sondern sie formulieren eher so:„Gehen Sie einmal davon aus, dass Sie in drei Jahren …“; „Ich bin ganz sicher, dass …“; „Ich werde mich dafür einsetzen – und mein Wort gilt in dieser Sache“; „Ich werde das befürworten – und das ist dann so gut wie abgehakt“. Er kann ja nicht einmal garantieren, dass er in zwei Jahren noch diese Position hat oder dass der Laden nicht von Chinesen gekauft wird.Fazit: Immer wenn Sie glauben, ein Versprechen in eigener Sache bekommen zu haben, werten Sie es vorsichtshalber als das, was es zumeist auch ist: eine gut gemeinte Absichtserklärung.Und wenn Sie mir nicht glauben (weil Sie mehr dem Versprechen glauben wollen), dann versuchen Sie einmal, sich Ihre „verbindliche Zusage“ schriftlich geben zu lassen. Dann werden Sie mich viel besser verstehen.PS: Ich bin sicher, dass ich innerhalb dieser Serie schon öfter zu diesem Thema etwas gesagt habe; aber es „verfolgt“ mich in der Praxis noch immer.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 476
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-08-10

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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