Heiko Mell

Unerklärliche Absage nach Vorstellungsgespräch

Immer wieder schildern mir Bewerber eine Situation, die sie zutiefst verunsichert und auf die sie sich „keinen Reim machen“ können: Sie bewerben sich schriftlich, werden auch zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

Ihre Analyse bis dahin: Werdegang und seine Darstellung im Lebenslauf sowie die Argumentation im Anschreiben sind somit (positiv) abgehakt – sonst hätte man sie ja nicht zum persönlichen Kennenlernen gebeten. Das Vorstellungsgespräch sei dann grundsätzlich sehr harmonisch verlaufen, man habe sich eigentlich sogar sehr gut verstanden, es habe kein Konfliktpotenzial gegeben. Und auf meine Frage hin: Nein, ein spezielles Thema, bei dem die Arbeitgeberseite sich etwa „festgebissen“ und insgesamt recht negativ reagiert haben, sei ihnen nicht aufgefallen.Irgendwann kam dann die Absage, die den Bewerber völlig unvorbereitet traf, ihn sozusagen „kalt erwischt“ hat. Er findet dafür keine Erklärung.Schön, im Einzelfall kann so etwas vorkommen. Aber nach fünf oder mehr ähnlich ausgegangenen Gesprächen muss es einen zentralen Grund geben. Zunächst vermutete ich, ein solcher Bewerber habe letztlich doch etwas falsch gemacht; entweder sei sein Auftreten unbefriedigend oder irgendeine Aussage z. B. über das Verhältnis zum heutigen Chef, über seine Erwartungen an die berufliche Zukunft oder zu seinen Einkommenserwartungen habe den potenziellen neuen Arbeitgeber abgeschreckt.Der Bewerber beteuert: Er habe alles mehrfach sorgfältig durchdacht und nachträglich genau analysiert – das schließe er definitiv aus.Ich bleibe dabei: Mehr als fünf Vorstellungsgespräche mit diesem unbefriedigenden Ausgang – da muss jemand einen (oder mehrere) Fehler gemacht haben. Aber wer – und welchen?Wenn man auf dem einfachen Weg nicht weiterkommt, muss man sachlich alles infrage stellen, auch das, was scheinbar „abgehakt“ werden konnte. Also beginne ich mit einer sorgfältigen Betrachtung der jeweils eingereichten Bewerbungsunterlagen in allen Details. Und finde gleich drei Ansatzpunkte:

1. Mein spontanes Ergebnis lautet: „Ich hätte Sie für jene Position gar nicht erst eingeladen.Man kann nämlich aus diesem und jenem Detail Ihres tatsächlichen Werdeganges, Ihres niedergeschriebenen Lebenslaufes, Ihrer beigefügten Zeugnisse und/oder Ihrer Formulierungen im Anschreiben sehr wohl erkennen, dass Sie nicht zum Anforderungsprofil passen, welches sich aus der Stellenanzeige ergibt. Dafür muss man in einem solchen Fall jedoch eine große Erfahrung in derartigen Analysen mitbringen und sehr sorgfältig vorgehen. Dazu waren hier die Bewerbungsempfänger nicht fähig oder nicht bereit.“Ich beobachte seit einiger Zeit einen entsprechenden Trend: Bewerbungsempfänger überfliegen die eingehenden Unterlagen nur noch sehr oberflächlich – und konzentrieren sich vor allem auf die heutige oder letzte Tätigkeit des Kandidaten. Passt die halbwegs zur offenen Position, wird erst einmal eingeladen. Eine gewisse Knappheit an qualifizierten Bewerbern einerseits und ausgedünnte, stark beanspruchte Personalabteilungen andererseits begünstigen diese Entwicklung.Möglicherweise sind die Ursachen auch noch viel einfacher: Oft reicht die Personalabteilung nach Registrierung der eingehenden Bewerbungen und dem Versenden von Eingangsbestätigungen einfach alle Zuschriften an die suchende Fachabteilung durch. Und der fehlen dann die Fachqualifikation und/oder die Routine und/oder die Zeit, um eine entsprechende Analyse durchführen zu können.Der Bewerber übrigens gewinnt nichts durch diese „neue Offenheit“ gegenüber eigentlich ungeeigneten Kandidaten: Im späteren Vorstellungsgespräch geht man routinemäßig den gesamten Werdegang von der Schule an durch, blättert begleitend im Lebenslauf und in den Zeugnissen, liest absatzweise das Anschreiben. Und dabei merken die Arbeitgebervertreter dann endlich, dass sie „so einen“ Kandidaten nicht haben wollen. Da sehen sie denn das zu lange, zu schlecht abgeschlossene Studium, die zu häufigen Arbeitgeberwechsel, die fachlichen „Seitensprünge“ im Werdegang, die zu Bedenken Anlass gebenden Formulierungen in Zeugnissen. Die immer und überall geltenden Absagegründe (der Kandidat hat unabhängig von Fakten schlicht im Gespräch nicht überzeugen können) kommen natürlich auch hier noch hinzu.Punkt 1 geht zu Lasten der Arbeitgeberseite.

2. Sehr oft trägt aber auch der Bewerber einen großen Teil Mitschuld an der Misere: Extrem unübersichtliche Lebensläufe, die sich über viele Seiten hinziehen, die an den – höheren – gestalterischen Anforderungen der „modernen“ umgekehrt-chronologischen Darstellungsart scheitern oder die schlicht wesentliche Informationen nicht enthalten, erschweren wichtige Erkenntnisse bei entsprechend flüchtiger Betrachtung.Ein kleines Beispiel: Wenn die einzige Angabe zum heutigen Arbeitgeber lautet „Müller & Sohn GmbH“ und wenn weitere Angaben dazu fehlen, dann erfährt der Bewerbungsempfänger, der vielleicht 3000 Mitarbeiter hat und selbstentwickelte Produkte herstellt, eben erst im Gespräch, dass dieses Unternehmen nur 68 Leute beschäftigt und ein Lohnfertiger ist. Was ihn vermutlich enttäuscht.

3. Dieser Minuspunkt geht klar an den Bewerber: Nicht in seinem allersten, aber spätestens ab dem dritten Vorstellungsgespräch muss er spüren, ab welchem diskutierten Detail seines Werdeganges das Interesse seiner Gegenüber deutlich erlahmt. Sei es, dass diese immer wieder auf einem Punkt „herumreiten“ und dort ständig „bohren“, sei es, dass sie ab einer erhaltenen Detailinformation erkennbar nur noch „in Routine machen“ – so viel an Sensibilität, um hier Ansätze für Probleme zu erkennen, muss vom Bewerber einfach „gebracht“ werden. Bei der Gelegenheit: Es ist nicht üblich, dass Arbeitgebervertreter im Vorstellungsgespräch, die dort auf ein Detail beim Bewerber stoßen, das ihr Interesse „auf Null“ reduziert, dies etwa aussprechen und das Gespräch beenden. Das wäre schlicht unhöflich. Sie führen diesen Kontakt stets bis zu Ende, quälen sich durch Fragen, bei denen sie die Antworten gar nicht mehr interessieren – und hinterlassen so bei etwas naiven Bewerbern das Gefühl, es liefe alles „super“ und sie erlebten ein konfliktfreies, sehr freundliches Gespräch. Was sie positiv interpretieren – was dann aber eine gefährliche Fehleinschätzung ist.Und bevor sich jetzt jemand aufregt über Arbeitgeber, die ihnen zugesandte Bewerbungen nicht (mehr) sorgfältig lesen: Das passt sehr gut zu den vielen Bewerbern, die ihrerseits Stellenanzeigen nicht (mehr) sorgfältig lesen – und sich einfach auf alles bewerben, „was sich bewegt“. Beide Partner sind einander würdig.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 475
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-05-25

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