02.01.2016, 12:42 Uhr

Der Chef ist niemals schuld

Antwort:

Im Konflikt mit dem Chef? Dann haben Sie angefangen! Es beginnt im Sandkasten: Zwei streiten sich, es fliegen bereits die ersten Förmchen. Welchen der Beteiligten man auch fragt, die Antwort kommt ganz sicher: Der andere hat angefangen. Das entschuldigt das Verhalten des Befragten nicht, auch wenn er felsenfest daran glaubt.Einige Jahrzehnte später sind solche Streithähne erwachsen, sitzen sich – in anderer Gruppierung – in einem Unternehmen gegenüber, sind Chef und Mitarbeiter. Und wieder stehen zwei im Konflikt miteinander.Fast immer beklagt sich zunächst der „Mitarbeiter“ (der selbst auch Führungskraft sein kann) über seinen ranghöheren Chef: „Der hat etwas gegen mich“ oder „Der kann mich nicht leiden“ oder „Bei dem bekomme ich kein Bein auf den Boden“ – irgendetwas in der Art  von „der hat angefangen“ (völlig grundlos natürlich). Und wie schon früher im Sandkasten weist der so beschuldigte Vorgesetzte auch nur einen Ansatz in der Richtung überzeugt zurück: Er reagiere doch bloß auf „unmögliches Verhalten“ oder „unakzeptables Tun“ seines Mitarbeiters!Hier geht es nicht darum, wer von beiden nun objektiv richtig liegt mit seinem Empfinden. Der Chef ist in der stärkeren Position. Und wenn Sie Mitarbeiter sind und in einem solchen Konflikt mit Ihrem Vorgesetzten liegen, gilt Ihnen die Warnung:Ihr Chef ist zutiefst davon überzeugt, Sie hätten – womit auch immer – angefangen. Beachten Sie „zutiefst davon überzeugt“. Kein Chef der Welt hält sich für fähig, morgens aufzustehen und wie aus heiterem Himmel zu dem Entschluss zu kommen: „Heute nehme ich mir Müller einmal vor, den mache ich fertig. Einfach so.“ Nein, in seinen Augen agiert er nicht und beschwört damit einen solchen Konflikt überhaupt erst herauf, er reagiert lediglich auf irgendetwas, das Müller gesagt, getan oder nicht getan oder etwa an sich hat. Denn für ihn steht fest wie der Fels in der Brandung: „Der hat angefangen.“ Und dann durfte, ja musste er seinerseits handeln.Wer wirklich angefangen hat, ließ sich schon im Sandkasten nicht klären und lässt sich auch hier nie befriedigend ergründen. Aber wichtig ist für jeden Angestellten in der Mitarbeiter-Rolle: Der Chef denkt im Falle eines Konfliktes, Sie hätten den Anfang gemacht – und wird sich unter keinen Umständen davon abbringen lassen. Damit liegt in seinen Augen, denen des Stärkeren, die Schuld allein bei Ihnen.Ich habe entsprechende Darstellungen von Chefs in solchen Fällen schon hören dürfen, sie liegen voll im Tenor des hier Gesagten: Mal war es Ihre abfällige Bemerkung bei seiner Einführung, mal ließen Sie ihn bei der Erbringung geforderter Überstunden hängen, dann widersprachen Sie ihm vehement im Beisein seiner Vorgesetzten oder fielen durch destruktives Verhalten auf. Stets geht er davon aus, sein Verhalten sei nur die verständliche Reaktion auf irgendetwas, das von Ihnen ausgegangen war.Suchen Sie also im Konfliktfall nach etwas, das ihm Indiz dafür sein kann, Sie hätten den Konflikt begonnen. Und wenn Sie nichts finden, haben Sie nicht energisch genug gesucht.Dann erst können Sie daran gehen, an einer Lösung zu arbeiten. Denn gewinnen können Sie als Mitarbeiter einen solchen Konflikt nicht.Die Lösung wiederum liegt nicht etwa in der Suche nach einer Antwort auf die Frage: „Was hat der gegen mich?“ Chefs sind stets davon überzeugt, klüger zu sein als ihre Mitarbeiter, abgewogener – und richtiger – zu urteilen als diese und selbstverständlich stets gute, sachliche Gründe für Ihr Handeln zu haben. Also lautet die richtige Frage: „Was habe ich getan, welche Fehler habe ich gemacht, die meinen Chef so gegen mich aufgebracht haben?“Und fragen Sie ihn nie: „Was haben Sie eigentlich gegen mich?“ Das wäre schon wieder eine Provokation pur. Denn ein Vorgesetzter ist zur Objektivität, zum ausgewogenen, sachbasierten Urteilen und Handeln verpflichtet. Er darf (und muss) auf Fehler und Schwächen seiner Mitarbeiter angemessen reagieren, aber er darf letztere nicht benachteiligen, weil er etwas gegen sie hat, sie nicht leiden kann etc. Fragten Sie ihn so, wie es hier als schlechtes Beispiel beschrieben wurde, sagten Sie in seinen Augen etwa: „Sie haben unverzeihliche Fehler, handeln falsch, sind Ihrer Position nicht gewachsen.“ Mit einem solchen Ausspruch hätten Sie wirklich eine neue Eskalationsstufe eingeleitet – und wieder einmal „angefangen“.Bei der Gelegenheit: Wenn Sie Kinder haben, die zur Schule gehen und einen Lehrer haben, der etwas gegen sie hat und sie scheinbar grundlos „verfolgt“, gilt das Prinzip ebenfalls. Aus Lehrersicht reagiert dieser nur auf ihn ärgerndes Verhalten der Kinder. Wobei man vom ausgebildeten Pädagogen vielleicht noch ein besonderes Verständnis für kindliche Bosheit oder schlichte Unvernunft erwarten könnte.Ich schreibe übrigens auch diesen kleinen „Ausrutscher“ in ein fremdes Themenfeld nicht ohne Hintergrund: Ich hatte das Vergnügen, einige Zeit in Nebenfunktion als Lehrer im kaufmännischen Werkunterricht für Lehrlinge meines damaligen Konzerns Rechnen zu lehren. Und wenn es einmal Konflikte gab, hatten „die“ angefangen. Ich doch nicht!

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 471
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-09-22

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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