Heiko Mell

Karriereplanung

Antwort:

Ob 42 km oder 42 Jahre: Es geht über die volle Distanz

Ein durchschnittliches Akademiker-Berufsleben in Jahren ist ziemlich genau so lang wie die Marathon-Strecke in km. Das ist zunächst einmal ein netter Einstieg in ein einprägsames Beispiel – den völlig berechtigten Vorwurf, dabei würden Äpfel mit Birnen verglichen, muss ich hinnehmen: Ein bisschen haken solche Vergleiche immer, es geht mir vor allem um das gemeinsame Grundprinzip.

Sprechen wir über typische Fehler, die ein Teilnehmer an einem solchen „Lauf“ machen kann (und leider auch häufig genug macht):

– Die einzelnen Etappen zwischen Start und Ziel dürfen nicht als isolierte Herausforderungen gesehen werden, bei denen es möglichst zu „siegen“ gilt – sie sind als Elemente des Ganzen auch im Gesamtzusammenhang zu betrachten.

Es nützt also nichts, in Etappe 3 eindrucksvolle Ergebnisse zu erzielen, wenn ich dafür den Preis zahlen muss, in den noch fehlenden Phasen nicht mehr mithalten zu können. Angesprochen sind hier vor allem reizvolle Versuchungen „am Wegesrand“, die kurzfristige Erfolge bringen, aber die Realisierung des Langfristziels gefährden. Das betrifft z. B. plötzlich angebotene „spannende“ Aufgaben in einer Position oder auch Branche, die sich ein paar Jahre später kaum noch zielführend vermarkten lassen. Diese Versuchung könnte auch in einem sehr hohen gebotenen Gehalt bestehen, mit dem man sich eines Tages im „goldenen Käfig“ wiederfindet.

Es geht jeweils nicht darum, hier und jetzt den maximalen Karriereerfolg zu erzielen, sondern in den einzelnen Phasen das Erreichen der folgenden Etappenziele optimal vorzubereiten. Man spielt ja auch mit dem Geld, das man für den langfristigen Aufbau seiner Altersversorgung vorgesehen hat, nicht zwischendurch Roulette.

– Der Start zu diesem „Langstreckenlauf“ ist zwar auch wichtig, die Startposition hat durchaus prägenden Charakter, aber wenn man hier Pech hat, den heiß ersehnten Start beim Traum-/Wunschunternehmen nicht schafft, ist absolut nicht gleich „alles aus“. Die verbleibende Strecke reicht aus, um anfängliche Niederlagen auszugleichen, Verluste wieder wettzumachen. Voraussetzung ist, dass man kämpft, zu erhöhtem Einsatz bereit ist. „Talent bricht sich Bahn“ – das gilt, wenn man es dabei nachhaltig unterstützt.

– Die Gesamtstrecke ist so lang, dass man nicht alles auf diesem Weg vorherplanen kann. Auch man selbst ist Veränderungen unterworfen. Obwohl man vielleicht mit kühnsten Erwartungen an den Start ging, merkt man eventuell auf halber Wegstrecke, dass inzwischen nicht mehr der Sieg das Ziel ist, sondern dass ein achtbares Abschneiden durchaus genügen würde. Außerdem kannte man vor dem Start die Qualifikationen der anderen Teilnehmer nicht.

Also sind regelmäßige Planüberprüfungen unter Einbeziehung aller relevanten Umstände angesagt. Und ebenso wie plötzlich einsetzender Dauerregen den einen oder anderen Läufer zum Überdenken früherer Zielsetzungen zwingt, können beispielsweise großräumige Konjunktureinbrüche oder plötzliche Firmenpleiten eine neue Strategie erfordern.

– Natürlich streben wir alle nach einem Höchstmaß von Glücklichsein und Zufriedenheit während der gesamten Strecke zwischen Start und Ziel. Aber es gilt, die Erwartungen im realistischen Rahmen zu halten. Gelegentliche Enttäuschungen oder auch Niederlagen sind unvermeidlich – die Gesamtbilanz muss stimmen. Auch wenn einmal eine Etappe nicht so gut läuft, besteht Hoffnung das gesetzte Langfristziel letztlich doch noch zu erreichen. Wer im Feld zurückgefallen ist, hat immer noch die Chance zu einer erfolgreichen Aufholjagd – der typische Vorteil einer Langstrecke.

– Eine ganz spezielle Besonderheit des beruflichen Langstreckenlaufes besteht darin, dass viele „Läufer“ freiwillig oder gezwungenermaßen während des Rennens den „Verein“ wechseln. Dabei sind sie darauf angewiesen, dass ein neuer Verein sie unter Vertrag nimmt. Dessen „Einkäufer“ nun betrachtet nicht nur das derzeitige Erscheinungsbild des sich anbietenden Kandidaten, sondern analysiert akribisch dessen bisher zurückgelegte Etappen und die von ihm dort erzielten Erfolge bzw. Niederlagen. Davon macht er dann seine Entscheidung über eine „Vereinsmitgliedschaft“ des Anwärters abhängig. Auch in dieser Rückschau des Bewerbungsempfängers wird wieder der Langfristcharakter des „Rennens“ deutlich: Der „Langfrist-Lebenslauf“ vergisst nichts, aber nach fast jedem Etappen-Misserfolg folgt eine neue Chance.

Und: Es reicht nicht aus, wenn der Läufer mit seinem bisherigen Abschneiden in den einzelnen Phasen absolut zufrieden war, er muss stets auch noch in den Augen maßgeblicher „anderer Leute“ erfolgreich gewesen sein. Aber wer hätte je behauptet, das vorzeigbare Durchstehen einer Marathonstrecke wäre ein Spaziergang

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 466
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-06-16

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