Heiko Mell

Achtung: Teufelskreis Berufswegplanung

Unser berufliches System ist nicht frei von Tücken, die fast schon Gemeinheiten sind. Eine davon: Wenn Sie den Erfolg am dringendsten brauchen, ist er besonders schwer zu erringen. Arbeitslose Bewerber können ein Lied davon singen.

Es gibt aber auch komplexere Beispiele, bei denen sich die eigentliche Tücke nicht jedem sofort erschließt (später schon, aber dann ist nichts mehr zu retten). Nehmen wir einmal an, Sie sind Anfang 50, haben in den letzten Jahren beruflich ein bisschen Pech gehabt (also einen etwas „bewegten“ Lebenslauf aufzuweisen). Jetzt haben Sie einen Job, aber ideal ist der leider nicht. Sie fühlen sich unter Wert beschäftigt, in der Entfaltung behindert, wurden degradiert o. ä. m.

Sie wissen: Wenn noch eine Möglichkeit besteht, per Arbeitgeberwechsel einen besseren Job zu bekommen, dann jetzt; in drei Jahren haben Sie dazu kaum noch eine Chance. Wir sprechen also tatsächlich von der vermutlich letzten Gelegenheit in Ihrem Berufsleben. Dieser Aspekt auf der einen und die andauernde Unzufriedenheit im heutigen Job auf der anderen Seite bauen einen hohen Erfolgsdruck auf.

Sind Ihre nun einsetzenden Bewerbungsbemühungen erfolglos – entsteht wenigstens kein neues Problem. Sie erkennen, dass Sie Ihre Schwierigkeiten auf diesem Wege nicht lösen können und müssen sich irgendwie mit den „obwaltenden Umständen“ arrangieren – Sie haben keine Wahl (die Situation, mit der viele Menschen besser zurechtkommen als mit anstehenden Auswahlentscheidungen).

Viel brisanter wird die Angelegenheit, sollte man Ihnen nach entsprechenden Bewerbungsbemühungen tatsächlich eine neue Position anbieten:

a) Mit einer Vertragsunterschrift verstoßen Sie gegen eine „goldene Regel“ des Systems: Jedes neue Engagement kann schiefgehen; überlegen Sie vorher, welche Möglichkeiten Sie dann noch hätten. Die Antwort ist klar: keine mehr, Sie wären dann Mitte 50 und hätten auf der Basis eines zuletzt ohnehin „bewegten“ Lebenslaufes ein klares Scheitern zu vertreten. Also wäre schon aus diesem Grund äußerste Vorsicht angebracht.

b) Ich höre förmlich Ihr Gegenargument: „Aber es muss doch nicht jedes Risiko auch ‚durchschlagen‘, es könnte sich aber doch eine Fast-Idealposition ergeben – sonst würde ich gar nicht unterschreiben.“ Ich fürchte, Sie würden es doch tun – weil Sie den Erfolg haben wollen, und weil der Mensch sieht, was er sehen will. Die eingangs erwähnte Tücke des Systems liegt darin, dass dieses Projekt eigentlich gar nicht gelingen kann. Denn Sie befinden sich in diesem Beispiel längst in einem Teufelskreis, also in einer klaren Abwärtsspirale, aus der es kaum einen Befreiungsschlag gibt. Schon bei der damaligen Suche nach der heutigen Position waren Sie über 50 und hatten zuletzt kritische Phasen im Lebenslauf. Auf der Basis vergibt das System in der Regel keine rundum erstklassige Position mehr – die bleibt rundum als erstklassig geltenden Bewerbern vorbehalten. Ihre heutige Position war also von Anfang an mit kritischen Erfolgsaussichten ausgestattet, auch Sie waren bereits „angeschlagen“. Nahezu zwangsläufig kamen die Probleme, die Sie heute zum erneuten Wechselversuch motivieren. Jetzt aber, die Abwärtsspirale dreht immer schneller, das liegt ihr „im Blut“, sind Ihre Chancen noch schlechter, ein von Ihnen so sehr gewünschtes, alle Probleme lösendes Traumangebot ist gar nicht mehr denkbar. Damit ist ein erneutes Scheitern nicht nur möglich, es ist wahrscheinlich.

Die zwangsläufige Empfehlung, die ich in der beschriebenen heutigen Situation geben muss: Prüfen Sie sorgfältig, ob nicht ein Verbleiben in der heutigen Situation das „kleinere Übel“ gegenüber der Gefahr ist, in Kürze vor dem Nichts zu stehen. Prüfen Sie die Gegebenheiten realistisch, suchen Sie sich vielleicht ein Feld für die so dringend gewünschten Erfolge im außerberuflichen Bereich (Verein, Politik, soziales Engagement).

Machen Sie Ihren Job engagiert, sorgfältig und zuverlässig, aber verlangen Sie jetzt nicht mehr, dass er auch alle Ihre früheren Träume zu erfüllen hilft. Alles hat seine Zeit im Leben, im Beruf sind die optimalen Zeitfenster für manche Wünsche recht klein. Und mitunter ist es besser, eine belastende Situation hinzunehmen und sich darin einzurichten als kämpfend alles auf eine Karte zu setzen – und unterzugehen.

Frage-Nr.: 465
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-05-26

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