Heiko Mell

Selbstbewusste Querdenker im Berufsalltag unerwünscht?

Einer Ausgabe des Kölner Stadt-Anzeigers aus diesem Jahr entnehme ich den Hinweis auf eine Studie der Fernuniversität Hagen. Die befragte Führungskräfte aus Deutschland und Österreich nach erwünschten und weniger erwünschten Eigenschaften bei der Einstellung von Mitarbeitern. Tenor: „Viele Firmen wollen innovativ sein. Bei der Personalauswahl setzen Führungskräfte jedoch auf angepasste Fachkräfte.“Verlässlichkeit, Produktivität und Loyalität wurden als erwünscht genannt, ebenso Fleiß, Höflichkeit und Teamfähigkeit. Querköpfe dagegen hätten es schwer. Selbstbewusstsein und geringe Beeinflussbarkeit waren ebenso weniger erwünscht wie Fröhlichkeit (!) oder Selbstlosigkeit.

Nachdem ich solche Erkenntnisse schon seit vielen Jahren verbreite, könnte ich mich wieder einmal bestätigt fühlen und entspannt zurücklehnen.Aber so einfach ist es leider nicht – wenn man die Geschichte unter dem für uns wichtigsten Aspekt der Karriere betrachtet. Sagen wir es so: Alles, was oben über mehr oder weniger gewünschte Eigenschaften gesagt wurde, gilt für unsere Themen auch. Aber es ist nur ein Teil dessen, was man zum Aufstieg braucht. Es ist wie ein Fundament – unverzichtbar, aber da fehlt noch etwas, das dann zum Erfolg führt. Betrachten wir nur einmal zwei wesentliche Eigenschaften, die hier – als kritisch – angesprochen sind: Querdenken und Selbstbewusstsein.

Eine Abteilung mit zwanzig Mitarbeitern, alle gut ausgebildet, alle mit sehr guten Examen ausgestattet, alle hochgradig selbstbewusst und zum Querdenken neigend – das ist eine Horrorvision für jeden Leiter. Der würde Bauchkrämpfe bekommen, wenn er vor dem Abteilungsbüro stehen und jetzt dort die neuesten Gedanken des Vorsitzenden der GF zur Zukunftsstrategie vertreten müsste. Oder die Arbeitszeitregelung anlässlich der Fußballweltmeisterschaft – was immer man von den Mitarbeitern dort wollte, sie wollten es eher nicht, sondern irgendetwas anderes, sie dächten überhaupt nicht daran und warum könne man das nicht ganz anders machen etc.

Nein, da sind angepasste, fleißige, produktive und loyale, stets höfliche und natürlich teamfähige Mitarbeiter schon die deutlich bessere Lösung. Jedenfalls für das Unternehmen – in etwa 95 % aller Fälle. Diese Quote deckt die Belange eines gedeihlichen Tagesgeschäfts ab. Und wenn auch etwa 95 % der Mitarbeiter in diesem Schema bleiben, so reicht das bei denen für eine sich befriedigend entwickelnde Berufslaufbahn.

Bleibt der kleine Rest zu 100 %. Ihn muss es irgendwie geben, sonst kommen die Unternehmen in ihrer jeweiligen Entwicklung nicht über den „grauen Durchschnitt“ hinaus. Also in ein paar (wirklich ganz wenigen, seltenen) von 100 Fällen ist der Querdenker und ist der Mitarbeiter mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein gefragt. Weil man hofft, dass er das Unternehmen mit einer höchst unkonventionellen Produkt-, Produktions- oder Marketing-Idee vorwärts bringt. Oder vielleicht auch seine Karriere mit einer selbstbewusst gegen die Intentionen der Geschäftsführung vertretenen Idee. Was alles auch ins Auge gehen kann. Aber in einer Marktwirtschaft gilt: ohne Risiko kein Geschäft.

Und man macht keine Karriere, wenn man nicht ab und an (tatsächlich sind homöopathische Dosen ausreichend und empfehlenswert) den Kopf aus der Masse steckt, eine eigene Persönlichkeit zeigt und mehr ist als „einer im Team“. Denn, ich schrieb es hier schon öfter einmal, noch nie wurde ein Team zum Abteilungsleiter befördert, immer nur einer daraus. Den seine Chefs als Individuum erkannt und geschätzt haben.

Aber noch einmal die Warnung: Die Basis ist ein grundsätzlich angepasstes, höfliches, auf Leistung und Loyalität aufbauendes Verhalten. Mit quergedachten, selbstbewusst vorgebrachten Ausnahmen in einigen seltenen Fällen. Nicht täglich, nicht wöchentlich und auch nicht unbedingt in jedem einzelnen Monat. Aber im richtigen Augenblick.

Frage-Nr.: 463
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-12-17

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