Heiko Mell

Bewerbung – Als Amateur gegen Profis?

Nehmen wir an, Sie hätten mit Ihrem Auto einen jener kleineren, aber dennoch höchst ärgerlichen Unfälle. Sie könnten etwa den Begrenzungspfosten eines Parkplatzes gerammt haben: Frontspoiler abgerissen, ein Kotflügel eingedrückt, stellenweise ist der Lack sichtbar abgekratzt. Nehmen wir weiter an, Sie seien handwerklich einigermaßen geschickt und trauten sich die Reparatur selbst zu. Wenn Sie Glück haben, sieht ein Privatkäufer anschließend das, was er sehen soll: nichts Auffallendes. Führen Sie Ihr so aufpoliertes Gefährt jedoch einmal einem Profi vor: einem Gutachter, Sachverständigen, Lackiermeister oder langjährigen Gebrauchtwagenhändler. Dem reicht ein fast flüchtig erscheinender Blick, dann hat er es: „Da hat jemand nachlackiert.“ Was seinen Argwohn weckt, denn da wurde etwas zu verbergen versucht. Dann konzentriert sich der Fachmann auf die naheliegende Frage nach den „zugrundeliegenden Fakten“ des Vertuschungsversuchs. Fazit: Für den Amateur ist es nahezu unmöglich, den Gebrauchtwagen deutlich besser aussehen zu lassen als er ist – sofern ein Profi auf der Gegenseite steht.

Dass Bewerbungen dem Versuch ähneln, Gebrauchtwagen an den Käufer zu bringen, habe ich hier oft geschrieben: Der Vergleich ist womöglich nicht besonders schmeichelhaft, aber ein bisschen gebraucht sind wir so jenseits der 20 irgendwie alle. Und natürlich will ich darauf hinaus, dass hier gilt, was dort beschrieben wurde: Sie können als Amateur (wer bewirbt sich schon hauptberuflich und permanent?) einen Profi auf Empfängerseite nicht überlisten. Im Gegenteil: Um einen eher unbedeutenden „Fleck auf der Weste“ zu vertuschen, reiben Sie entweder ein Loch in dieselbe oder Sie bringen den Leser dazu, einen Verdacht zu haben, der viel schlimmer ist als es die Wahrheit gewesen wäre.

Und dann sind da noch die vielen, vielen „Vorgänger“, die schon vor Jahrzehnten verschleiern, vertuschen, beschönigen oder schlicht verbergen wollten. Es ist alles schon viele Male ausprobiert worden, der professionelle Leser lächelt nur noch müde beim neuen Versuch. Kürzer: Alles schon mal dagewesen.Da Sie sicher gern Beispiele sehen möchten, hier je eines aus unterschiedlichen Schwierigkeitskategorien:

a) Der ganz simple Versuch:Tatbestand: Sie haben schlechte Examensnoten (z. B. 3,4).Ihre Lösung: Sie reden nicht darüber, weder im Lebenslauf, noch im Anschreiben – und bei den Zeugniskopien lassen Sie alle Dokumente weg, auf denen Noten stehen.

Reaktion des Profis: Er ist gelangweilt, fühlt sich „für dumm verkauft“ – und unterstellt ein Vierer-Examen („weil das Notenblatt fehlt“); insgesamt ist der Negativ-Effekt schlimmer als es die offene Darlegung der tatsächlichen Noten gewesen wäre.

b) Der mittlere Versuch:

Tatbestand: Sie werden entlassen, man schließt einen Aufhebungsvertrag, in dem Sie sich eine Zeugnisformulierung „scheidet aus auf eigenen Wunsch“ zusagen lassen. Dann aber finden Sie nicht rechtzeitig einen neuen Job und bewerben sich inzwischen aus mehrmonatiger Arbeitslosigkeit.

Ihre Lösung: Sie legen der Bewerbung einfach das Zeugnis bei und bauen auf den grundsätzlich durchaus positiven Effekt des Ausscheidens auf eigenen Wunsch, welches Sie im Anschreiben noch einmal hervorheben.

Reaktion des Profis: Vermutlich kann er trotz aller Ihrer Bemühungen schon im übrigen Zeugnistext Anhaltspunkte für „Verdachtsmomente“ finden, aber spätestens die nach deutschen Arbeitgebervorstellungen völlig unmögliche und absolut inakzeptable Konstellation „ist auf eigenen Wunsch in die Arbeitslosigkeit gegangen“ entlarvt die ganze Geschichte des Ausscheidens bei Ihrem letzten Arbeitsverhältnis als „frei erfunden“. Sie werden unglaubwürdig, präsentieren Sie doch ein erkennbar „gelogenes“ Zeugnis (man weiß ja, wie so etwas zustande kommt). Hier wäre eine Entlassung aus betrieblichen Gründen das kleinere Übel gewesen.

c) Der „raffinierte“ Versuch:

Tatbestand: Sie sind in einem gekündigten Arbeitsverhältnis (arbeitgeberseitige Kündigung ist ausgesprochen oder Aufhebungsvertrag ist unterschrieben, das Arbeitsverhältnis läuft noch). Sie wollen jedoch Ihre Chancen auf dem Markt verbessern und erwecken im schriftlichen Bereich und im Gespräch den Eindruck, Sie seien im ungekündigten Status. Dabei sind Sie entschlossen, möglichst nicht zu lügen, aber doch die Wahrheit nicht zu offenbaren. Das könnte zunächst sogar klappen, da durchaus nicht jeder potentielle Arbeitgeber gezielt nach Ihrem arbeitsrechtlichen Status fragt (ich übrigens immer).

Reaktion des Profis: Vielleicht schöpft er spätestens im Vorstellungsgespräch Verdacht – viele Ingenieure sind keine talentierten Schwindler und fühlen sich schon beim Gedanken an möglicherweise „bohrende Fragen“ unwohl. Mit ein bisschen Pech fliegt Ihre Geschichte gar nicht einmal auf, aber Sie verlieren wegen „übergroßer Nervosität“ das Rennen um den Job.

In jedem Fall aber steckt der Teufel im Detail. Irgendwann kommt die scheinbar harmlose Frage: „Warum bewerben Sie sich, warum wollen Sie von dort weg, wo Sie heute sind?“ Dann murmeln Sie etwas von „fehlenden Perspektiven“ oder vom „Streben nach neuen Ufern“. Dabei hätte die korrekte Antwort lauten müssen: „Es geht nicht darum, warum ich weg will – ich muss. Weil mir mein Arbeitgeber gekündigt (bzw. mir einen Aufhebungsvertrag vorgelegt) hat.“ Und schon haben Sie eine „Leiche im Keller“, die eines Tages gefunden werden kann („unrichtige Angaben im Vorstellungsgespräch“, das gilt als gravierend). Oder es wird gefragt: „Was haben Sie für eine Kündigungsfrist?“, worauf Sie antworten: „Sechs Wochen zum Quartal“, weil das so in Ihrem Anstellungsvertrag steht. Die korrekte Antwort aber wäre gewesen: „Eine Kündigungsfrist gibt es nicht mehr, das Arbeitsverhältnis ist bereits gekündigt/aufge­hoben und zwar zum … Ich kann jedoch jederzeit mit einer Ankündigungsfrist von (z. B.) drei Tagen ausscheiden.“ Und schon haben Sie eine zweite „Leiche im Keller“, mit deren plötzlicher Entdeckung Sie ständig rechnen müssen.

Fazit: Als „Amateur“, der nie so ganz genau wissen kann, wodurch man bei Manipulationen jetzt oder später auffallen kann, sind Sie sehr gut beraten, im Bereich der Daten und Fakten bei der Wahrheit zu bleiben. Wie man eventuell in Randbereichen des Lebenslaufes unbequeme Wahrheiten zwar nicht ins Gegenteil verkehren, aber doch weniger auffällig so darstellen kann, dass sich das gerade noch vertreten lässt, das weiß ggf. nur der Profi. Er allein kennt auch das Risiko, welches Sie ggf. mit der Darstellung der reinen Wahrheit im Hinblick auf eine Absage und mit einer nicht ganz so „reinen“ Alternativdarstellung im Hinblick auf späteren Ärger mit dem neuen Arbeitgeber eingehen.

Jetzt muss ich den Gutmenschen unter uns vorsichtshalber entgegentreten, sonst ersticken sie mich unter einer Protestlawine („Wie kann der es wagen, auch nur anzudeuten, man könne eventuell von der Wahrheit abweichen?“). Ich habe da mehrere Gegenargumente:

1. Nicht ich habe eine solche mögliche Verbiegung der simplen Wahrheit erfunden, der Gesetzgeber war vor mir da. So erlaubt er z. B. schwangeren Frauen ganz offen, im Bewerbungsprozess ganz klar die Unwahrheit zu sagen.

2. Es gibt Gegebenheiten bei Bewerbern, die nichts mit eigenem Fehlverhalten zu tun haben und die eine Einstellung mit absoluter Sicherheit verhindern, wenn sie dem potentiellen Arbeitgeber bekannt würden. Beispiel: bestimmte Krankheiten, die mit einem längeren Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik verbunden waren – ob die Krankheit nun medizinisch als ausgeheilt gilt oder nicht. Wer hier von Bewerbern totale Offenheit fordert, muss auch totale Arbeitslosigkeit akzeptieren.

3. In meiner Antwort steht, dass auch für mich bei Daten und Fakten sowie beim jeweiligen arbeitsrechtlichen Status („Sind Sie in einem ungekündigten Arbeitsverhältnis?“) nur die Wahrheit infrage kommt. Bei Motiven für Bewerbungsaktivitäten, bei Fragen zur Harmonie mit dem Chef oder zu langfristigen Karriereambitionen wäre schlicht naiv, wer da dächte, er erführe vom Bewerber immer die reine Wahrheit.

4. Vor dem Bewerber tritt im Normalfall das suchende Unternehmen auf den Plan. Es stellt die Position in einer Stellenanzeige vor. Diese wird dann später ergänzt durch mündliche Vorstellungen im Vorstellungsgespräch, in einer Stellenbeschreibung und/oder im Arbeitsvertrag. Fragen Sie einmal neue Mitarbeiter drei Jahre nach Eintritt, wie „realistisch“ diese Beschreibungen mitunter sind. Die „Parteien sind einander würdig“ (H. Mell a. a. O.).

Frage-Nr.: 462
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-12-03

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