Heiko Mell

Mit Migrationshintergrund nach oben? – Sprechen Sie zu Hause deutsch

Antwort:

Nein, ich übernehme hier nicht die jüngst kolportierte Empfehlung einer politischen Partei. Ich bin auch weit davon entfernt, einer ganzen Bevölkerungsgruppe Ratschläge für das tägliche Leben geben zu wollen – warum sollte ich? Aber in Erfüllung meines Auftrages und unter Auswertung langjähriger eigener Beobachtungen, die erst jüngst wieder durch einige konkrete Fälle aufgefrischt wurden, darf, ja muss ich so argumentieren:

Nehmen wir einmal an, dass Sie einen Migrationshintergrund haben und Deutsch nicht Ihre Muttersprache ist. Aber Sie wollen auf Dauer hier im Lande leben und anspruchsvoll arbeiten, also durchaus auch „Karriere machen“. Dann ist, das lässt sich mit hoher Sicherheit sagen, ein problemloser Umgang mit der hiesigen Landessprache eine ganz wesentliche Voraussetzung für den Erfolg.

Sprechen wir einmal darüber, was ein „problemloser Umgang“ mit dieser Sprache ist: Sie müssen uneingeschränkt alles verstehen, was man zu Ihnen sagt, Redewendungen eingeschlossen. Das gilt auch, wenn jemand schnell und /oder mit leichter Dialektfärbung spricht. Sie müssen ebenso alles, was Sie bewegt, in dieser Landessprache problemlos und weitgehend korrekt ausdrücken können. Das gilt – mit leichten Einschränkungen – auch für das Schriftdeutsch.

Problemlos ist ein leichter Restakzent, den man nur sehr schwer los wird, problemlos ist es auch, gelegentlich einmal einen Artikel zu verwechseln.

Bis dahin gilt: Das ist ohne Einschränkung exakt übertragbar auf den Deutschen, der dauerhaft in Frankreich oder Großbritannien oder Spanien leben und dort Karriere machen(!) will.

Die Erfahrung lehrt nun, dass der erstrebenswerte Grad an Perfektion in der fremden Sprache nicht durch Ausbildung oder Selbststudium zu erreichen ist, sondern ausschließlich durch ständigen, umfassenden, allgegenwärtigen Sprachgebrauch. Dafür reicht die Verwendung dieser ja ursprünglich für Sie fremden deutschen Sprache im Arbeitsalltag in der Regel nicht aus.

Nein, wenn Sie im hier angesprochenen Rahmen „wie ein Deutscher“ integriert sein und gleichberechtigt Chancen wahrnehmen wollen, dann sollten Sie auch zu Hause deutsch sprechen. Mir geht es nicht um das Prinzip, schon gar nicht aus politischen Gründen, ich bin ausschließlich am Resultat interessiert. Und das setzt nach meinen Erfahrungen den häuslichen Gebrauch der deutschen Sprache voraus (wenn Sie einen anderen Weg kennen, um die oben genannten Ziele erreichen zu können, dann gehen Sie den – mir geht es keinesfalls darum, fremde Sprachen aus deutschen Wohnzimmern zu verbannen).

Ich habe beruflich ständig mit Menschen zu tun, die bestimmte Karriereziele verfolgen oder vor unterschiedlichen Problemen auf dem Weg dorthin stehen. Und oft sind das Menschen mit Migrationshintergrund. Manche davon sind fünf Jahre im Lande und gehen sehr gut mit der deutschen Sprache um.

Andere jedoch sind seit zehn Jahren hier – und für ihren Gesprächspartner im wahrsten Sinne des Wortes anstrengend: Sie verstehen nicht alles, können manche ihrer Anliegen nicht verständlich ausdrücken, nutzen Begriffe falsch – und bringen mich (der Deutsche neigt generell dazu, der Texaner z. B. ist weitgehend frei davon) dazu, besonders langsam (anstrengend), übermäßig laut (unsinnig, aber weit verbreitet und auch anstrengend) sowie bewusst in einfachen, nahezu kindgerechten Formulierungen (auch sehr anstrengend) zu reden. Ich halte das aus: Nach längstens zwei bis drei Stunden geht mein Gesprächspartner ja wieder. Aber auch ich bin skeptisch, wenn es um die Frage geht, inwieweit jemand auf dieser schwachen sprachlichen Basis problemlos und gleichberechtigt z. B. mit deutschen Führungskräften Karriere machen kann.

Und wenn ich in solchen Fällen frage: „Welche Sprache sprechen Sie zu Hause in der Familie?“, dann lautet die Antwort fast immer „nicht deutsch“.

Übrigens gilt das alles auch dann, wenn Sie derzeit in einem Konzern beschäftigt sind, dessen Arbeitssprache etwa Englisch ist, sodass Sie keine zwingende Notwendigkeit für ein besseres Deutsch sehen: Wir reden über Menschen, die dauerhaft hier leben wollen – und als einer davon dürfen Sie nie nur auf einen Arbeitgeber setzen und können sehr schnell auf den allgemeinen Arbeitsmarkt angewiesen sein. Und mit noch so gutem Englisch allein ist der gesamte deutsche Arbeitsmarkt nicht zu erschließen.

Und genau das gilt in vielen anderen Ländern sinngemäß auch.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 452
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-03-05

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