Heiko Mell

Vor der Bewerbung unbedingt anrufen?

Antwort:

Es gibt Bewerber, die es aus eigenem Antrieb gern tun. Dann gibt es solche, die irgendwo gelesen haben, man solle unbedingt vorher zum Hörer greifen. Manche haben daraus eine Leidenschaft entwickelt.

Und dann gibt es Zeitarbeitsfirmen, die nehmen Personalanzeigen zum Anlass, dem Inserenten eigenes Personal anzubieten, sie machen das ebenfalls gern telefonisch. Vielleicht hat es sogar Berater gegeben, die sich werbend auch noch in den Kreis der Anrufer eingereiht haben.

Sie alle landeten bei den armen Mitarbeitern des Personalwesens, deren Telefonnummern in der Anzeige angegeben waren. Und hielten, so empfanden die es, sie von der eigentlichen Arbeit ab. Das reicht einigen von ihnen, sie mögen nicht mehr. Nun sabotieren sie diesen Weg. Noch nicht in allen Fällen, aber der Trend ist da.

Entweder gibt es dann bewusst keine Telefonnummer mehr im Inserat oder die dort genannte führt an einen speziellen Arbeitsplatz, an dem sich – beispielsweise – eine Praktikantin mit solchen Störungen des Arbeitsalltags herumschlagen darf.Wenn Sie, liebe Leser, auf so einen Fall stoßen, seien Sie versichert: Es ist Absicht.

Verantwortlich für diese Entwicklung sind vor allem jene – leider sehr zahlreich vorhandenen – Bewerber, die ohne erkennbares Konzept anrufen, ohne klar definierte Frage. Ja, die mitunter nur erklären, sie hätten jenes Inserat gelesen – und Schluss ist. Sie haben ihre vermeintliche Pflicht getan und angerufen. Nun warten sie an ihrem Ende der Leitung darauf, irgendwie erheitert zu werden. Darauf sind die bedauernswerten Mitarbeiter des Personalwesens schon gar nicht eingerichtet.

Bitte bedenken Sie auch: Ein Unternehmen, das einen seiner Mitarbeiter sucht, will einen(!) Bewerber einstellen. Riefe nur dieser schließlich unter Vertrag genommene Bewerber vorher an, würde man ja gern ein halbes Stündchen mit ihm plaudern. Aber mitunter hat man dreißig oder fünfzig Anrufer. Der Aufwand addiert sich zu erheblichen Zeiteinheiten. Bei jedem Anruf aber weiß der „Personalmensch“, dass es statistisch höchstens eine Chance von vielleicht 1:50 gibt, hier den späteren Mitarbeiter kennengelernt zu haben.

Es kommt noch schlimmer:
Eigene Untersuchungen unseres Hauses zeigen, dass der schließlich eingestellte Spitzenkandidat in der Regel nicht angerufen hatte, bevor er sich bewarb. Er hat einen einwandfreien Lebenslauf, passt zum Profil der ausgeschriebenen Position, empfindet seinerseits die Position als passend, sendet seine Unterlagen ein – und wird in sehr vielen Fällen eingeladen.

Gelegentlich gehen Anrufer davon aus, dass man per Telefon einen persönlichen Kontakt zum Bewerbungsempfänger knüpfen könnte – vergessen Sie das ruhig. Bei fünfzig und mehr Anrufen zu einer Position merkt sich niemand die einzelnen Namen oder gar Details zum Werdegang.

Jetzt wäre es doch aber schön, wenn man in Fällen eines berechtigten Zweifels vorher fragen könnte. Stimmt, es wäre. Falls es zu diesem Zeitpunkt eine Antwort gibt. Gibt es aber nicht: Einmal ist der Mitarbeiter des Personalwesens nicht der Mensch, der die Entscheidungen in dieser Frage trifft. Das ist der suchende Fachvorgesetzte, dessen Tagesgeschäft aber viel zu wichtig ist, um etwa all die Anrufer (inkl. Zeitarbeitsunternehmen) auf ihn loszulassen.

Dann kommt ein wesentlicher Aspekt hinzu: Zunächst einmal will das suchende Unternehmen genau den Bewerber, den es konkret gesucht hat. Z. B. mit fünf Jahren Praxis in dieser Tätigkeit. Es wird alles tun, um aus den eingehenden Zuschriften dieses Ideal herauszufiltern. Sollte der höchst bedauerliche Umstand eintreten, dass diese fünf Jahre nicht zu bekommen sind, dann hat das Unternehmen folgende Optionen:

– es resigniert und tut im Besetzungsfall erst einmal gar nichts (eigentlich schwer vorstellbar, wird aber „gern genommen“);

– es schreibt die Position mit identischem Text erneut aus, gern auch in anderen Medien;

– es baut die ganze Position um, verteilt abteilungsintern die Aufgaben und Zuständigkeiten anders, sodass sich ganz andere Anforderungen ergeben;

– es setzt einen vorhandenen Mitarbeiter auf diese Position und schreibt dessen bisherige Position neu aus;

– es schließt einen Kompromiss und stellt zähneknirschend nun doch einen externen Bewerber mit nur zwei Jahren relevanter Praxis ein.

 

Welche Variante letztlich gewählt wird, weiß kurz nach der Erstinsertion niemand. Auch nicht bekannt ist zu diesem frühen Zeitpunkt, wieviele Bewerber mit welcher „Anforderungserfüllungsquote“ sich bewerben werden. Daher ist ein Anruf zwei Tage nach der Insertion, bei dem jemand fragt, ob statt der geforderten fünf auch zwei Jahre ausreichen, völlig sinnlos, eine etwa gegebene Antwort durch den Angerufenen ist mehr freundlich gemeint als verbindlich.Wundern Sie sich also nicht, wenn das inserierende Unternehmen gar keine Telefonnummer mehr angibt oder bei möglichen Anrufen kein qualifizierter Partner mehr am Apparat ist. Eigentlich ist das schade. Aber ich kann die gestressten Personalleute auch verstehen.Zwei Ausnahmen von der Grundregel, eher nicht vorher anzurufen, gibt es:

1. Manche Unternehmen und insbesondere auch Berater geben nicht nur eine Telefonnummer an, sie machen auch durch den Begleittext deutlich, dass sie den vorhergehenden Anruf geradezu empfehlen, erwarten etc. Wer z. B. sonntags oder spät abends zu erreichen ist, denkt sich etwas dabei.

2. Mitunter gibt es eine nicht im Inserat enthaltene sachliche Detailinformation zur Position, die für den potenziellen Bewerber äußerst wichtig ist. Von der Antwort auf diese eine konkrete Frage würde er es abhängig machen, ob er sich nun bewirbt oder nicht. Beispiel: „Ist die Position mit Personalführung verbunden und wenn ja, wieviele Mitarbeiter wären unterstellt?“

Eine solche Frage gilt als berechtigt – sofern durch Angabe einer Telefonnummer überhaupt die Bereitschaft deutlich wird, sich mit Anrufern auseinanderzusetzen.

Und falls Sie jetzt sagen: „Die Unternehmensleitung müsste doch aber daran interessiert sein, dass der potenzielle Bewerber umworben wird, dass er den denkbar besten Eindruck vom Hause hat, dass man auf seine Wünsche so weit wie möglich eingeht, dass das Unternehmen auf dem Arbeitsmarkt ein gutes Image aufbaut – ist ein wie hier vorgestelltes eher abschreckendes Verhalten nicht kurzsichtig?“, dann lautet die Antwort frei nach Radio Eriwan:

Im Prinzip ja. In der Praxis jedoch kümmert sich die Unternehmensleitung nicht um solche Details, sie erfährt „so etwas“ gar nicht. Und dann sieht sie sich solchem Kostendruck ausgesetzt, dass die Einstellung eines zusätzlichen Personalwesenmitarbeiters – der ja generell „unproduktiv“ tätig ist – „nur für die Telefoniererei“ eher nicht infrage kommt. Achten Sie einmal darauf, wenn in der Presse von Einsparplänen gewisser Unternehmen die Rede ist: Meist geht es um Mitarbeiter „vorzugsweise in der Verwaltung“. Dazu gehört auch das Personalwesen. Dass die Leute dort Geld kosten, kann man beweisen. Dass sie ggf. auch Kosten sparen oder geldwerte Vorteile bringen, ist weniger leicht hieb- und stichfest darzulegen. Natürlich steht überall „der Mensch im Mittelpunkt“ – es wird nur kaum jemals gesagt, wovon. Aber Mittelpunkt an sich ist ja auch schon etwas …

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 450
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 7
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-02-12

Top Stellenangebote

Howden Turbowerke GmbH-Firmenlogo
Howden Turbowerke GmbH Einkäufer (m/w/d) Coswig
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG-Firmenlogo
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG Ingenieure (m/w/d) Fachrichtung Bau und Architektur Elektrotechnik Versorgungstechnik Frankfurt am Main
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen-Firmenlogo
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen Projektleiter (m/w/d) für den Bereich Bundesbau Wiesbaden
MULTIVAC Sepp Haggenmüller SE & Co. KG-Firmenlogo
MULTIVAC Sepp Haggenmüller SE & Co. KG Patentingenieur (m/w/d) Wolfertschwenden
Howden Turbowerke GmbH-Firmenlogo
Howden Turbowerke GmbH Projektingenieur (m/w/d) Coswig
INDUREST Planungsgesellschaft für Industrieanlagenbau mbH-Firmenlogo
INDUREST Planungsgesellschaft für Industrieanlagenbau mbH Bauingenieur / Statiker (m/w/d) Wesseling
Karlsruher Institut für Technologie-Firmenlogo
Karlsruher Institut für Technologie Projektbevollmächtigte (w/m/d) Fachrichtung Maschinenbau, Elektrotechnik, Wirtschaftsingenieurwesen oder Wirtschaftsinformatik Eggenstein-Leopoldshafen
FICHTNER GmbH & Co. KG-Firmenlogo
FICHTNER GmbH & Co. KG Mechanical Engineer Öl & Gas (m/w/d) Hamburg
Ingenieurgesellschaft Heidt + Peters mbH-Firmenlogo
Ingenieurgesellschaft Heidt + Peters mbH Straßenbau-Ingenieur (m/w/d) Celle, Bad Bevensen
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH-Firmenlogo
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH QC-Fachkraft – für die SW-Programmierung der Automotive-Teststände (m/w/d) Lüneburg

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: N…