Heiko Mell

Alles Kriecher?

Antwort:

Er habe, so sagte jüngst ein Gesprächspartner, kein gutes Gefühl bei der Geschichte, die ich da triebe. Das ständige Erwähnen von Regeln und Gepflogenheiten, das Auflisten von dem, was zu tun und zu lassen sei, führe doch nur zur Idealisierung eines unzeitgemäßen Persönlichkeitsbildes. Gefragt sei doch eher der selbstbewusste, sich und seiner Überzeugung unbeirrbar treu bleibende Mensch. Der sage, was er denke, dies freimütig auch gegenüber Vorgesetzten beibehalte und eben ginge, wenn das sein müsse – ob nun irgendwelche ominösen fünf Jahre Dienstzeit eingehalten seien oder nicht.

Im Gegenteil, so schob er nach, man könne eigentlich an der Befolgung jener blutleeren Regeln erkennen, dass dieser Bewerber keine wünschenswerte moderne Managerpersönlichkeit sei. Sondern eher ein „Kriecher ohne Rückgrat“.

Starker Tobak – und als Argument durchaus von gefährlichem Reiz. Schon weil wir alle gelegentlich Gedanken dieser Art Raum geben. Und wäre es nicht wirklich befreiend, ein System zu haben, in dem sich niemand mehr nur deshalb so verhalten muss, weil es irgendwo steht oder erwartet wird?

Nun, einige Berufe gäbe es dann nicht mehr: demokratisch legitimierte Politiker, Verkäufer, Friseurinnen („Sie sind so hässlich, warum wollen Sie sich noch Farbe in die Haare schmieren?“) und Verwaltungsbeamte („Sie haben Recht, mir gefällt die Vorschrift auch nicht, lösen wir das eben anders.“). Oh, und Fußballschiedsrichter. Weil die Spieler nach keines Fremden Pfeife mehr tanzten.

Aber auch sonst liegt der Kriecher-Theorie ein fundamentaler Irrtum zugrunde. Da sind zum Beispiel die Chefs. Welcher davon kann es sich bei den heutigen Anforderungen an moderne Unternehmensführung noch leisten, Erfolge mit rückgratlosen Jasagern erreichen zu wollen? Teamarbeit, Projektorganisation, prozessorientiertes Denken, Unternehmer im Unternehmen, das alles liefe niemals mit „Untertanen“ vergangener Tage!

Aber je komplexer die Arbeitswelt wird, desto wichtiger ist es, dass sich alle Beteiligten an Regeln halten, dass sich Firmenleitungen darauf verlassen können. Versuchen Sie einmal, als Kfz-Zulieferer einem der allmächtigen Großkunden einzureden, Ihre Produktionsmannschaft habe nach souveräner Entscheidung des persönlichkeitsstarken, unbeugsamen Produktionsleiters gestern lieber Fußball geschaut als Teile zu produzieren. Oder bringen Sie Ihrem Zentral-Controller in Atlanta (Georgia) bei, diesmal gäbe es aus Rationalisierungsgründen keinen Quartalsbericht, es stünde ja ohnehin immer dasselbe drin – Sie hätten den Aufwand dafür lieber in den Vertrieb gesteckt.

Nein, wir brauchen in allen Positionen Menschen, die beweisen können, dass sie Regeln befolgen. Sogar dann, wenn sie dieselben nicht besonders hilfreich finden. Ein Bewerber, der die Grundlagen optimaler Werdeganggestaltung beachtet und gute Zeugnisse hat, dabei auch noch eine erfolgreiche Karriere vorweisen kann, zeigt höchst wertvolle Anlagen. Wer außer der Beachtung von Regeln nichts vorweisen kann, ist für Bewerbungsempfänger wertlos. Wer seine bisherigen Erfolge nur erzielen konnte, indem er jede Regel brach, hat den Charme eines Wolfes in den Augen von Schafzüchtern. Aber wer beides vorweisen kann, Top-Leistung innerhalb gesetzter Rahmen, ist hochbegehrt. Und was nützte uns der beste Fußballkünstler der Welt, wenn er sich weigerte, die Handspielregel anzuerkennen? Und ist er etwa „Kriecher“, wenn er souverän, aber regelgerecht auf dem Platz agiert? Als Tipp für Regelmuffel: „freier Künstler“ ist Ihr Traumberuf, „abhängig Beschäftigter“ (offizielle Definition des Angestellten) hingegen eher nicht.

Kurzantwort:

Er habe, so sagte jüngst ein Gesprächspartner, kein gutes Gefühl bei der Geschichte, die ich da triebe. Das ständige Erwähnen von Regeln und Gepflogenheiten, das Auflisten von dem, was zu tun und zu lassen sei, führe doch nur zur Idealisierung eines unzeitgemäßen Persönlichkeitsbildes. Gefragt sei doch eher der selbstbewusste, sich und seiner Überzeugung unbeirrbar treu bleibende Mensch. Der sage, was er denke, dies freimütig auch gegenüber Vorgesetzten beibehalte und eben ginge, wenn das sein müsse – ob nun irgendwelche ominösen fünf Jahre Dienstzeit eingehalten seien oder nicht. …

Frage-Nr.: 45
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-06-10

Top Stellenangebote

Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt-Firmenlogo
Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt Professorin / Professor (m/w/d) (W2) Fakultät Maschinenbau Schweinfurt
THD - Technische Hochschule Deggendorf-Firmenlogo
THD - Technische Hochschule Deggendorf Professor / Professorin (m/w/d) Bildgebende Verfahren mit dem Schwerpunkt Computertomographie Deggendorf
Generalzolldirektion-Firmenlogo
Generalzolldirektion Wirtschaftsingenieur/in (m/w/d) Berlin, Bonn, Dresden, Offenbach am Main
Niedersächsische Landesamt für Bau und Liegenschaften-Firmenlogo
Niedersächsische Landesamt für Bau und Liegenschaften Bauoberinspektor-Anwärter (m/w/d) Hannover
Niedersächsische Landesamt für Bau und Liegenschaften-Firmenlogo
Niedersächsische Landesamt für Bau und Liegenschaften Technische Referendare (m/w/d) im Beamtenverhältnis Hannover
Vermögen und Bau Baden-Württemberg-Firmenlogo
Vermögen und Bau Baden-Württemberg Diplom-Ingenieur/in / Bachelor / Master (w/m/d) Architektur / Bauingenieurwesen / Wirtschaftswissenschaften für den Bereich Baubetrieb und Kalkulation Stuttgart
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft University of Applied Sciences-Firmenlogo
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft University of Applied Sciences W2-Professur für das Fachgebiet "Fahrzeugelektronik" Karlsruhe
Technische Universität Berlin-Firmenlogo
Technische Universität Berlin Bibliotheksreferendar*in (d/m/w) Berlin
BAM Deutschland AG-Firmenlogo
BAM Deutschland AG Planungskoordinator (m/w/d) Hamburg
KfW Bankengruppe-Firmenlogo
KfW Bankengruppe Experte / Sachverständiger (w/m/d) für Umwelt- und Sozialrisikomanagement Frankfurt am Main
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.