Heiko Mell

Vom Fluch der bösen Tat

Und wenn alle Anhänger des „amerikanischen“, falsch herum aufgebauten Lebenslaufes gleichzeitig auf mich einredeten: Das Ding hat seine Tücken. Was gar nicht anders möglich ist, zwingt es doch zum Denken „wider die menschliche Natur“. Wir sind es gewohnt, dem Zeitverlauf entsprechend Entwicklungen zu betrachten – und, vergessen wir das nicht, wir schreiben Arbeitszeugnisse in üblicher chronologischer Art. Wir beginnen dort mit dem Eintritt ins Unternehmen, schildern die berufliche Entwicklung und schreiben am Schluss „… er/sie schied am … aus unserem Unternehmen aus.“

Antwort:

Bei der Gelegenheit: Warum kämpft eigentlich niemand darum, Arbeitszeugnisse – wenn schon, denn schon – mit dem Tag des Ausscheidens beginnen zu lassen und mit den guten Wünschen für die Zukunft? Solange das niemand durchsetzt, zwingt eine Bewerbung mit deutschen Zeugnissen, aber mit „amerikanischem“ Lebenslauf den Leser zu zusätzlicher Geistesakrobatik, weil er zwei Dokumente mit diametralem Aufbau gegeneinander abgleichen muss. Wobei man es dem Bewerbungsempfänger doch eigentlich so leicht wie irgend möglich machen sollte … Nun ja.

Reden wir über ein gern übersehenes Detail des umgekehrt chronologischen Lebenslaufes: Der Bewerber ist am Tage X einige Jahre in der Entwicklung beim Arbeitgeber A tätig, hat dort seit hinreichend langer Zeit die zweite (oder dritte, darauf kommt es nicht an) Position inne und schreibt seinen Lebenslauf.

Er denkt zwar instinktiv von hinten nach vorn, will nun aber den Lauf der Dinge von vorn nach hinten schildern; mit etwas Mühe bekommt er das hin. Er versucht, sich in die Rolle des Bewerbungsempfängers hineinzuversetzen, der jede einzelne Seite des Dokuments von oben nach unten liest. Also baut er die Informationen so auf, dass der Leser direkt bei der Kenntnisnahme der heutigen Position alles versteht: Er gibt Erläuterungen zum Arbeitgeber (Branche, Umsatz, Mitarbeiter) und – noch wichtiger – zu seinem Job. Dabei schildert er, was er entwickelt, welche Bauteile er betreut und welche Methoden er einsetzt. Das alles gelingt ihm – und alles ist gut.

Nun schickt er entweder die Bewerbung nie ab oder bleibt damit erfolglos, was auch immer. Aber eines ist ihm geblieben: In seinem PC ist der sorgfältig durchdachte Lebenslauf bis zum Tage X (eigentlich: vom Tage X zurück bis zur Geburt) gespeichert. Das erleichtert künftige Bewerbungen ungemein. Und falls sich gegenüber dem Status am Tage X eine wesentliche Veränderung ergibt, so hängt man das Neue einfach an das Bestehende an, äh setzt man das Neue einfach vor das Bestehende an den Kopf der Rubrik „Berufspraxis“.

Ahnen Sie, was geschieht? Jetzt kommt eine neue Tätigkeitsphase, beispielsweise eine Teamleitung im bisherigen Entwicklungsbereich. Eine neue Bewerbung wird fällig, wir schreiben X + 3 Jahre. Wenn der Kandidat mit der Aufbereitung der Unterlagen beginnt, liest er auch den „alten“ Lebenslauf noch einmal durch – und findet ihn perfekt. Alles toll, alles verständlich auch für Außenstehende.

Also hängt er einen „Teamleiter“ mit entsprechender Zeitangabe einfach vor den bisherigen Text. Und da steht der dann ganz oben in der Rubrik „Berufspraxis“. Und bei den Details zur Position steht beispielsweise „fachliche Leitung eines Teams von fünf Mitarbeitern“ und „intensive Zusammenarbeit mit Vertrieb und Produktion“. Alles richtig – aber in erschreckendem Maße unvollkommen: Dass es sich um einen „Teamleiter Entwicklung … teile“ handelt, fehlt; dass dort überhaupt entwickelt wird, fehlt damit auch – und um welche Art von Bauteilen mit welchen eingesetzten Methoden es geht, steht natürlich auch nicht dort.

Oh, die Informationen sind alle da, sie stehen nur einige 10 cm tiefer bei den früheren Positionen, die der Kandidat in diesem Unternehmen eingenommen hatte.Warum nun sind einige Bewerbungsleser so erpicht auf die „amerikanische“ Methode? Weil sie mit geringstem Aufwand „nur mal eben ganz schnell“ die heutige Position abklopfen wollen, die dementsprechend leicht zu finden und also ganz oben stehen soll. Wenn die nicht überzeugt, bleibt der Rest ungelesen. Und genau das kann bei meinem Beispiel passieren. Es gibt in dieser für manche Leser „alles entscheidenden“ heutigen Position keinen positiven Hinweis darauf, dass unser Kandidat von der Entwicklung und von bestimmten Bauteilen etwas versteht. Mit etwas Pech ist das ein „Aus“ für seine Bemühungen in dieser Sache.

Wenn Sie also der umgekehrt chronologischen Variante des Lebenslaufs anhängen, müssen Sie bei jedem „Fortschreiben“ des Lebenslaufes etwas sehr, sehr schwer zu Bewältigendes tun: Sie müssen neu nachdenken und zumindest beim heutigen Arbeitgeber jede einzelne Phase aus der Sicht eines unbefangenen, mit den internen Verhältnissen nicht vertrauten Lesers neu gestalten – und alle wichtigen Informationen in die jeweils „oben“ stehende heutige Phase ziehen.

Und das in der Überschrift angedeutete Zitat lautet korrekt: „Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären“ (Schiller, Wallenstein).

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 448
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-10-30

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