Heiko Mell

Loyalität

Wir wissen, dass sie gefordert wird, insbesondere von Angestellten. Oft wird sie in Arbeitszeugnissen positiv erwähnt. Sie nicht unter Beweis zu stellen oder gar illoyal zu sein, auch das wissen wir, wäre ganz schrecklich. Aber seien wir ehrlich: Nicht so genau wissen wir, was Loyalität überhaupt ist.

Antwort:

Der Fremdwörter-Duden sagt zunächst einmal „Treue“. Ein Begriff, den wir kennen und zuordnen können – den wir aber im Berufsalltag nicht benutzen. Er steht nicht in Zeugnissen, und kein Vorgesetzter wird seine Mitarbeiter angehen: „Ich erwarte, dass Sie mir die Treue halten.“

Wenn Loyalität also eine spezielle Art von Treue ist – wem könnte die des Angestellten gelten? Eines Angestellten, der vom Unternehmen unter Vertrag genommen und bezahlt wird? Diesem Arbeitgeber könnte sie gelten. Das hieße, Loyalität wäre die Treue des Angestellten dem Unternehmen gegenüber. Klingt überzeugend, es ist aber nicht an dem! Von all jenen Institutionen, denen gegenüber ein loyaler Mitarbeiter überhaupt treu sein könnte, kommt in der Duden-Definition nur ein Begriff aus dem berufsrelevanten Umfeld vor: der Vorgesetzte; vom Unternehmen oder Arbeitgeber ist nicht die Rede. Also gilt: Vom Angestellten wird Loyalität erwartet. Darunter ist die Treue gegenüber dem Vorgesetzten zu verstehen. Das also steckt dahinter, wenn ein Vorgesetzter sagt, er erwarte Loyalität von seinen Mitarbeitern und wenn ein Zeugnis, das ja stets vom Urteil des Vorgesetzten geprägt ist, dem Mitarbeiter bescheinigt, loyal (gewesen) zu sein. Wem gegenüber jemand loyal zu sein hat oder ist, wird dabei in der Regel nicht ausdrücklich gesagt, im Zeugnis ist keine Rede von „Loyalität gegenüber dem Vorgesetzten“ – muss auch nicht, weil lt. Definition Loyalität schon „Treue gegenüber dem Vorgesetzten“ ist. Akzeptiert man das, wäre „Loyalität gegenüber dem Chef“ bereits ein Pleonasmus (wie etwa wie „weißer Schimmel“). Im Tagesgeschäft, also in der Alltagsdefinition sagen wir meist – und lt. Definition falsch – „er ist dem Unternehmen gegenüber stets loyal“, was ebenso nur eine Floskel ist wie „wir arbeiten alle nur zum Wohle des Unternehmens“, sich aber in beiden Fällen gut anhört und allgemein huldvoll akzeptiert wird. Wenn Loyalität bei Angestellten eine wünschenswerte Eigenschaft ist, wovon wir ausgehen können, dann fordern die Arbeitgeber letztlich: Seid treu gegenüber euren Vorgesetzten.

Wir wissen, dass dem Grenzen gesetzt sind, schon weil die Arbeitgeber eines Tages diese Vorgesetzten feuern könnten, womit die Treue ihrer Mitarbeiter schlagartig ein Ende zu finden hätte, vorübergehend auf Eis zu legen und dann dem nachfolgenden neuen Chef wiederum entgegenzubringen wäre. Was durchaus auch „emotionale Purzelbäume“ erfordern kann. Aber darum geht es hier zunächst einmal nicht. Hinweisen will ich vorrangig darauf, dass die tatsächlich überragende Bedeutung des jeweiligen Vorgesetzten selbst in der harmlosen Definition eines Standardbegriffs festgeschrieben ist. Erinnern Sie sich an meine Kernaussage „Ein guter Mitarbeiter ist jemand, den sein Chef dafür hält“? Ein guter Mitarbeiter ist auch loyal – und steht also in Treue fest zu seinem Chef. Jedenfalls grundsätzlich.

Wenn Sie, liebe Leser, das generell oder nach individuellen Erlebnissen nicht mehr sein können, haben Sie ein Problem und erfüllen nicht mehr die Anforderungen an einen guten Angestellten. Beziehungsweise dann brauchen Sie einen neuen Chef, dem gegenüber Sie wieder loyal sein können, vielleicht in einem neuen Unternehmen. Und „Differenzen mit dem Chef“? Die gibt es gar nicht – oder möchten Sie sich „Ich bin ein Illoyaler“ auf Ihre Fahne schreiben?

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 447
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-10-23

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