Heiko Mell

Stark sei der Ingenieur – im Umgang mit Worten

Antwort:

Max Mustermann bewirbt sich. So richtig mit allen Unterlagen und auf eine konkrete Internet-Stellenausschreibung des Konzerns A in einer norddeutschen Großstadt.

Wie so viele andere Bewerber auch, empfindet Mustermann, derzeit in Unterfranken ansässig, den Prozess als ziemlich anstrengend und zeitaufwendig. Man muss zum Fotografen laufen, den Lebenslauf sorgfältig auf die Position ausrichten, Zeugnisse heraussuchen – und ein Anschreiben formulieren. Irgendwann steht auch das, obwohl letzte Zweifel bleiben: Schreibt man nun eigentlich, man passe perfekt oder gilt das bereits als Eigenlob? Hat nicht schon Felix Krull (Sie wissen schon, der Hochstapler, den Thomas Mann geschaffen hat) den zuständigen Militärarzt bei der Musterungskommission dazu gebracht, ihn untauglich zu schreiben, weil er selbst sich u. a. allzu aufdringlich als zweifelsfrei voll tauglich darstellte? Lässt sich das überhaupt vergleichen?

Schließlich ist genug gezweifelt: Das Machwerk wird auf den Weg gebracht. Es bleibt zunächst beim Versuch. Konzern A verlangt bei der Online-Bewerbung nach persönlicher Registrierung eine ziemlich umfassende Antwort auf diverse „Motivationsfragen“: warum gerade dieses Unternehmen, warum gerade diese Position, was spricht eigentlich gerade für Sie und überhaupt?

Mustermann stöhnt. Da ist einmal die Tatsache, dass er nicht weiß, wie viel „Schmalz“ er denn hier verarbeiten darf, bevor es den Konzernleuten unangenehm aufstößt. Ab welcher „Lobesfülle“ fühlen die sich auf den Arm genommen? Und wenn er diesen Job bei dieser Firma so allein in den Mittelpunkt seines Denkens stellt – wäre er dann nicht zum sofortigen lebenslangen Herumlaufen in Sack und Asche verpflichtet, wenn er bei dieser „Herzensangelegenheit“ scheitert? Er rechnet so ganz nebenbei mit dreißig Mitbewerbern, kann sich also seine statistischen Chancen ausrechnen – und kommt darauf, dass er dann auch so etwa dreißig Bewerbungen abliefern muss, um einmal zum Zuge zu kommen. Wenn er das dreißig Mal durchstehen muss mit „warum bewerben Sie sich gerade bei uns?“ und dem allen, dann tut er danach etwas Fürchterliches, beschließt er. Kann man denn überhaupt sagen: „Sie sind das tollste Unternehmen, das ich kenne?“ Auf die Lösung kommt er selbst: „Ich kenne die doch überhaupt nicht, ich will die doch erst kennenlernen.“ Und schon sieht er die Anschlussfrage auf sich zukommen: „Ja, warum wollen Sie ausgerechnet uns kennenlernen?“

An der Stelle bricht er ab und kommt zu mir. Ich war auch einmal jung, war Referent für Grundsatzfragen des Personalwesens in der Hauptverwaltung eines deutschen Konzerns und hätte so mit Mitte 20 durchaus auch die Idee zu solch einem Bewerbungssystem haben können. Klingt ja isoliert betrachtet auch ganz toll. Zum Glück für die sich bewerbende Menschheit hatten wir damals noch kein Internet, wir nahmen die Bewerbungen einfach so aus der Post, wie sie halt kamen (ob der Konzern etwa deshalb später pleiteging?).

Jetzt aber braucht Mustermann meine Hilfe. Und es gibt eine eiserne Regel: Ein deutscher Berater sagt nicht, ihm fiele nichts ein. Also beruhige ich ihn und rate dazu, einfach ganz gelassen an die Herausforderung heranzugehen und weniger an dem großen Antwortgag zu arbeiten, sondern bewusst in der Nähe dessen zu bleiben, was ihn wirklich bewege. Das klänge dann, verspreche ich ihm, zwischen all dem Geschnulze und Gesülze der anderen Bewerber überraschend sachlich und würde positiv auffallen.

Mustermanns Miene jedoch wird eher noch besorgter als ich frage: „Ja, was ist denn der wahre Grund für Ihre Bewerbung dort?“ „Nun“, sagt mein Gegenüber, „die Wahrheit ist, dass meine Frau in Niedersachsen Landesbeamtin werden kann, daher müssen wir unbedingt nach Norden ziehen. Meinen Sie, ich soll das sagen?“ Das meine ich nun eher nicht; Unternehmen wollen – wie künftige Ehepartner auch – um ihrer selbst willen geliebt werden und nicht, weil ihre zufällig gegebene Adresse dem anderen Vorteile verspricht.

Ich hoffe, die Personalleute von A im Bundesland N (und andere auch) haben inzwischen die Einsicht gewonnen, recht idealistisch an die Sache herangegangen zu sein – und werten die Antworten wenigstens nicht mehr aus. Wenn sie sie überhaupt noch lesen.

Was Herr Mustermann und ich schließlich gemacht haben? So lange formulierungstechnisch „gebastelt“, bis das Geschnulze und Gesülze in unser beider Augen irgendwie überzeugend klang. Was dabei schließlich herausgekommen ist? Das ist vertraulich, was denken Sie denn.

 

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 446
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 0
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1970-01-01

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