Heiko Mell

Das Kämpfen hört niemals auf

Antwort:

Müller ist gerade Director geworden. Mit c nur, aber doch immerhin. Man gratuliert, man anerkennt, man ist ein bisschen neidisch. Und man fragt:

„War’s schwer, dahinzukommen?“

„Ein langer Kampf, das kann man sagen.“

„Und nun, was kommt als Nächstes?“

„Nichts mehr; ich bin, wo ich sein wollte.“

„Gut, dass der Kampf vorbei ist, oder?“

„Er ist nicht vorbei. Ich kämpfe jetzt darum, Director zu bleiben.“

 

Ein kluger Mann, der Müller. Und recht hat er. Er hat verstanden, wie das System funktioniert: Man muss kämpfen, um etwas zu bekommen. Dann hat man es. Und was man hat, kann man verlieren, jederzeit. Das Unternehmen z. B. seinen Verbleib in der Gewinnzone oder die Marktführerschaft, Müller seinen Director – und viele andere sogar ihren Status als ausführende Mitarbeiter. Alles kann wieder genommen werden, Tausende haben es erfahren müssen.

Es gibt drei Ebenen des beruflichen Kampfes: Die höchste, die jedem einleuchtet: Ich will etwas oder mehr werden. Darum zu kämpfen vergisst niemand, der Ambitionen hat.

Die nächste Ebene darunter: Ich muss immer wieder begründen und unter Beweis stellen, dass auch mein heutiger Job (meine „Planstelle“) nützlich und unverzichtbar ist. Denn wird sie gestrichen, weil ihr Bestand nicht mehr überzeugend begründet werden kann, bin auch ich „tot“, schuldlos, aber doch. Die Welt ist voller Menschen, die hier schon Opfer wurden. Völlig korrekt Opfer genannt, denn eigentlich ist der Inhaber einer Position für die Frage ihrer Existenzberechtigung gar nicht zuständig. So wie der Passagier auf dem Ausflugsboot auch nicht zuständig ist für die Frage, ob das Boot denn wohl untergeht oder weiterschwimmt. Aber wenn er klug ist, tut er alles, um das Boot schwimmend zu halten. Schon weil er drinsitzt.Und die unterste Ebene ist der Nachweis, dass ich die richtige Besetzung meiner Stelle bin. Das überprüfen der Vorgesetzte und die Unternehmensleitung laufend oder sporadisch oder ereignisabhängig. Aber sie prüfen. Und genau das vergessen die Mitarbeiter aller Ebenen. Nicht jedoch diejenigen, denen es um weitere Beförderungen geht. Die wissen schon, dass sie vor dem Aufstieg exzellente Beurteilungen im heutigen Job brauchen – um die es zu kämpfen gilt.

Aber schauen Sie einmal um sich: Die vielen Mitarbeiter auf allen Ebenen, die eigentlich mit dem Erreichten ganz zufrieden sind – wirken die, als kämpften sie um das, was man beim Fußball den Klassenerhalt nennen würde? Eigentlich eher nicht.

Vielleicht ist das Fußball-Beispiel, auf das ich eher zufällig gestoßen bin (meine Welt ist das sonst nicht), als Basis einer Vision gar nicht so dumm: Die Mitarbeiter auf allen Ebenen eines größeren Bereichs wüssten, dass am Ende des Jahres zwei von ihnen abgestuft würden, während aus der Kategorie (z. B. Entgeltgruppe oder hierarchische Ebene) darunter zwei hochkämen. Damit hätte ich doch nahezu ein neues Führungssystem „erfunden“. Schreit da jemand auf? Warum denn, es hieße doch nur wie im Sport: Wer am besten kämpft, kommt weiter, wer gut kämpft, bleibt; wer schlecht oder gar nicht kämpft, steigt ab. Und? „Das Verlieren überlassen wir den anderen“, schreibt ein führender Fachbuchautor einer Sportart, die ich als Hobby betreibe. Wenn das im Fußball geht, könnte man doch mal darüber nachdenken. Keine Angst, das Arbeitsrecht ist dagegen, so schnell droht das nicht. Denn Tausende, die das Prinzip im Fußball eben noch so überzeugend fanden, würden schäumen: „Mit meinem Job macht ihr das nicht!“

Aber so als Idee – und um den Gedanken an den permanenten Kampf im Berufsleben wachzuhalten? Ansätze in der Richtung sieht man gelegentlich schon. Z. B. in größeren Vertriebsmannschaften oder bei Führungskräften, die gern freiwillig eine Stufe tiefer gehen würden, wenn das nur möglich wäre. Aber ein umfassendes System fehlt noch.

Kurzantwort:

Müller ist gerade Director geworden. Mit c nur, aber doch immerhin. Man gratuliert, man anerkennt, man ist ein bisschen neidisch. Und man fragt: „War’s schwer, dahinzukommen?“ „Ein langer Kampf, das kann man sagen.“ „Und nun, was kommt als Nächstes?“ „Nichts mehr; ich bin, wo ich sein wollte.“ „Gut, dass der Kampf vorbei ist, oder?“ „Er ist nicht vorbei. Ich kämpfe jetzt darum, Director zu bleiben.“

Frage-Nr.: 444
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-09-04

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