Heiko Mell

Vier Zehntel von 17 % der Mitarbeiter möchten ihren Chef feuern

Ich kann nichts dafür, die Dinge sind so kompliziert oder kamen mir jedenfalls in dieser Form auf den Tisch.

Antwort:

Also: Nach einer in verschiedenen Medien verbreiteten Umfrage des Gallup-Instituts sind immerhin (aber eben auch nur) 16 % der Arbeitnehmer emotional stark mit ihrem Unternehmen verbunden. Keine Frage: Diese Mitarbeitergruppe bringt einen sehr hohen Prozentsatz ihrer individuellen Leistungsfähigkeit ein. Von extrem hoher absoluter Leistung kann man noch nicht sprechen, das gibt auch die Umfrage nicht her. Aber diese Leute geben, was sie können. Wie gesagt: Es ist nicht ausgeschlossen, dass diejenigen Kollegen, die noch mehr könnten, auch kritischer sind und sich daher bei einer Umfrage nicht zu jenen 16 % zählen.

Konkret: Meier könnte sagen, er hasse diesen Saftladen und seinen Chef gleich mit. Aber er bringe immer noch täglich mehr als Schulze, der die Firma liebt, voll hinter ihr steht und den Chef gleich mit liebt. Es ist möglich, so tückisch ist das Metier, dass der Mitarbeiter Meier mit seinem höheren Leistungspotenzial seinerseits höhere Ansprüche stellt als der vielleicht etwas einfacher gestrikte Schulze. Beiden bietet dieselbe Firma mit demselben Chef dasselbe Klima, aber einer wird dadurch positiv angesprochen, der andere noch nicht.

Dennoch ist klar: 16 % emotional positiv berührter Mitarbeiter sind zu wenig, mehr wären besser und ein „Meier“ würde auch mehr „bringen“, könnte man ihn besser „packen“ auf diesem Gebiet.

Am anderen Ende stehen 17 %, die resigniert haben und sich im Prozess der innerlichen Kündigung befinden. Sie leisten zu wenig für ihr volles Gehalt, keine Frage. Und vier von zehn aus dieser Gruppe möchten ihren Vorgesetzten am liebsten entlassen.

Der große „Rest“ dazwischen macht Dienst nach Vorschrift, tut, was getan werden muss, engagiert sich aber nicht. Das klingt durchaus nach Gauß’scher Normalverteilung.Gefragt wurde auch, woran es denn hängt, wenn Mitarbeiter dieser oder jener Gruppe zuzurechnen sind. Es heißt, in der überwältigenden Mehrheit der Fälle sei es der unmittelbare Vorgesetzte. Er verantwortete, wie wohl sich die Beschäftigten am Arbeitsplatz fühlten. Und auch, wie stark sie an den Arbeitgeber gebunden seien. Er verantworte auch direkt oder indirekt drei Viertel der Kündigungen seitens der Mitarbeiter. Da nun in der Praxis jede Abteilung ihren einen, dort für alle zuständigen Vorgesetzten hat, müssten bei einem Unternehmen die Ergebnisse von Abteilung zu Abteilung sehr stark schwanken (verschiedene Chefs), aber abteilungsweise stark homogen strukturiert sein (alle dort haben denselben Chef). Das ist ganz sicher in der Praxis nicht so.

Was können wir nun davon mitnehmen?

Nur 16 % der Mitarbeiter hängen an und fühlen mit der Firma. Das ist zu wenig. Hier haben die Arbeitgeber Nachholbedarf.

17 % haben resigniert, sind destruktiv, geben die Schuld allein dem Chef, sehen zumeist in seinem Rausschmiss die Lösung. Nun es gibt einen Teil der Mitarbeiter, dem ist in dieser Beziehung nicht zu helfen, auch nicht durch einen neuen Chef, auch nicht, wenn der ein Engel wäre (der ja auch dann noch Leistung aus der Abteilung herausholen müsste). So etwas kann schlicht auch typbedingt sein. Hier ist auch das Geschick bei der Bewerberauswahl gefragt. Wer einen tadellosen, leistungsbezogenen Werdegang hat, gehört eher nicht zu dieser Resignations-Gruppe, wie die Erfahrung lehrt.

Interessant und vieler Mühen wert sind die verbleibenden 67 % „Rest“ zwischen den Extremen. Sie sind in dieser Hinsicht beeinflussbar, können je nach individueller Führung zu dieser oder jener Seite gezogen oder geschoben werden. Sie stellen ein erhebliches Potenzial dar, von dem ein größerer Prozentanteil noch zu erschließen ist.

Das heißt für Sie, geehrte Leser in Ihrer Rolle als Mitarbeiter: Versuchen Sie zur Gruppe derer zu gehören, die positiv zu ihrem Unternehmen stehen. Ich kenne das Gegenargument: „Dann müssten die da oben aber anfangen mit der Hinwendung zu mir. Erst gestern hat man mir …“ Ja, so etwas gibt es. Aber: Warum können dann unter ähnlichen Umständen 16 %, was 84 % offenbar nicht können? Glauben Sie wirklich, genau die würden besser behandelt? Es ist, sehen wir dem ins Auge, auch eine Frage der inneren Einstellung.

Und wenn Sie Chef sind: Sofern Sie nur ein Drittel Ihrer Leute so richtig mitnehmen und für das Unternehmen und ihre Aufgabe begeistern könnten, wären Sie schon super. Ist das kein Ansporn?

Kurzantwort:

Ich kann nichts dafür, die Dinge sind so kompliziert oder kamen mir jedenfalls in dieser Form auf den Tisch.

Frage-Nr.: 443
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 35
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-08-28

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