Heiko Mell

Haben Sie wirklich alles getan?

Antwort:

Es ist kein Geheimnis mehr: Die Industrie mag Ingenieure suchen, verhält sich bei der Auswahl aber sehr wählerisch und keineswegs so, als gäbe es einen Mangel an Bewerbern. Auf der Strecke bleiben im Augenblick viele Berufseinsteiger. Wenn auch nur der kleinste „Fleck auf der Weste“ im Lebenslauf oder in den Zeugnissen auftaucht, gibt es Akzeptanzprobleme. Und manchmal gibt es die sogar bei Kandidaten, bei denen eigentlich alles in Ordnung ist. Fast immer wird – wenn überhaupt gesucht wird – Berufspraxis gefordert, nahezu ausschließlich solche, die zu 100% zum dargestellten Tätigkeitsprofil passt. „Bloß keine Experimente“, scheint die Devise der Unternehmen zu sein, die Anstellung von Einsteigern gilt offensichtlich als eines.

Als Randbemerkung: Ob das letztlich in der Langfristbetrachtung klug ist von der Industrie, darf bezweifelt werden. In einigen Jahren, das ergibt sich aus der demografischen Entwicklung, wird es wirklich einen Ingenieurmangel geben. Und manches Unternehmen wird sich wünschen, sich rechtzeitig mit Absolventen eingedeckt zu haben, als die noch zu haben waren. Aber das ist ein anderes Thema – wer gibt heute schon Geld aus, um Probleme zu lösen, die wir erst morgen haben werden?

Zurück zum Thema: Derzeit kämpfen viele Absolventen um einen halbwegs befriedigenden Berufseinstieg. Relativ viele sind bereits einige Monate arbeitslos.Was jetzt kommt, klingt ein bisschen ungeheuerlich: „Arbeitslos“ stimmt, „kämpfen“ kann vielfach nicht bestätigt werden, ganz und gar nicht.

Was alles dürfte man an Aktivitäten von solchen suchenden Anfängern erwarten, mit denen sie ihren misslichen „arbeitsmarktlichen Status“ ändern könnten? Schenken wir uns eine komplexe Aufstellung denkbarer Aktivitäten, schließlich wollen wir ja niemandem Vorschriften machen. Einigen wir uns auf einen Mindeststandard für Bemühungen, die von arbeitslosen Berufseinsteigern zu erwarten wären. Richtig, man könnte voraussetzen, dass sie sorgfältig und engagiert alle frei zugänglichen in üblichen Medien veröffentlichten Stellenangebote lesen, in denen auch nur andeutungsweise von der Suche nach Anfängern die Rede ist. Tun sie aber nicht.

Gelegentlich kann man das sogar beweisen: Wenn nämlich ein Unternehmen erst in mehreren Stellenbörsen ganz offen sucht und mit einer wirklich interessanten Ausschreibung kaum Resonanz erzielt; wenn dieses Haus dann aus Verzweiflung dieselbe Ausschreibung den in Datenbanken registrierten Berufsanfängern, auch solchen mit z. T. deutlich mehrmonatiger Arbeitslosigkeit, offerieren lässt und damit auf eine unerwartet große Anzahl von jungen Ingenieuren stößt, die jetzt plötzlich Interesse äußern, aber nicht unter den aktiven Bewerbern waren.

Wer typisches (es gibt Ausnahmen, keine Frage) Bewerberverhalten kennt, wird zustimmend mit dem Kopf nicken: Das „Sich-Kümmern“, ein aktives, energisches, alle denkbaren Möglichkeiten einschließendes und von dem schönen Begriff der „Eigeninitiative“ geprägtes Bemühen, ist nicht so verbreitet wie es sein sollte.

Wenn jetzt die Unternehmen noch dazu übergingen, die Ernsthaftigkeit der Bemühungen in eigener Sache als Arbeitsprobe für den späteren betrieblichen Einsatz zu nehmen, wäre für viele „alles aus“.

Kurzantwort:

Es ist kein Geheimnis mehr: Die Industrie mag Ingenieure suchen, verhält sich bei der Auswahl aber sehr wählerisch und keineswegs so, als gäbe es einen Mangel an Bewerbern. Auf der Strecke bleiben im Augenblick viele Berufseinsteiger. Wenn auch nur der kleinste „Fleck auf der Weste“ im Lebenslauf oder in den Zeugnissen auftaucht, gibt es Akzeptanzprobleme. Und manchmal gibt es die sogar bei Kandidaten, bei denen eigentlich alles in Ordnung ist. Fast immer wird – wenn überhaupt gesucht wird – Berufspraxis gefordert, nahezu ausschließlich solche, die zu 100% zum dargestellten Tätigkeitsprofil passt. „Bloß keine Experimente“, scheint die Devise der Unternehmen zu sein, die Anstellung von Einsteigern gilt offensichtlich als eines. …

Frage-Nr.: 442
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 33
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-08-07

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