Heiko Mell

Halten Sie Ihre „Papiere“ sauber

Antwort:

Wir alle machen Fehler und haben Schwächen. Auf diese Erkenntnis darf ich nicht allzu stolz sein: Es muss im Laufe der Entwicklung der Menschheit schon jemand vor mir darauf gekommen sein.

Und natürlich ist der beruflich relevante Bereich unseres Lebens mit seinen diversen Regeln und Vorschriften keine Ausnahme. Stellen Sie sich vor, jeder Bewerbungsempfänger wüsste ausnahmslos „alles“ über jeden Bewerber. Von geheimen sexuellen Vorlieben über politische Ansichten und jeden einzelnen Gedanken, den der Kandidat über irgendeinen Chef gehabt hat, bis hin zu fachlichen Fehlern und Unzulänglichkeiten, die ihm irgendwann irgendwo unterlaufen sind. Ob dann überhaupt noch jemand irgendwo eingestellt würde? Zum Glück sind die Anzahl und die Dichte der Informationen, die dem Bewerbungsempfänger zur Verfügung stehen, sehr deutlich von der Kategorie „wir wissen alles“ entfernt.

So können Sie also weiterhin Fehler machen und Schwächen haben, die meisten davon bleiben im Dunkeln. Bis auf jene, die unmittelbar oder auf Umwegen „aktenkundig“ werden: Sie stehen im Lebenslauf und/oder in Zeugnissen. Und genau das gilt es zu vermeiden. Daher: Bevor Sie etwas tun, überlegen Sie, ob und wie sich das eines Tages irgendwie in Ihren Unterlagen niederschlägt.

Wie immer ist das Prinzip ganz einfach und Beispiele bieten sich spontan an:

Wenn Sie ungekündigt tätig sind und aus guter Position in die bessere streben, könnte es durchaus geschehen, dass Sie sich sechs Monate lang intensiv bewerben, ohne einen geeigneten Job zu finden. Fazit: Entweder sind Sie für die Traumposition nicht gut genug oder Ihre Bewerbungsbemühungen sind unzureichend oder Ihre Ansprüche/Forderungen sind zu hoch.

Konsequenzen: keine. Entweder bewerben Sie sich in aller Ruhe immer weiter oder Sie legen einmal drei Monate Pause in Ihren Bemühungen ein. Denn: Niemand sieht die Details dieses Prozesses, im Lebenslauf schlagen sie sich nicht nieder.

Sollten Sie aber arbeitslos sein, dann wissen Sie, dass sich jeder weitere joblose Monat gnadenlos in Ihren Lebenslauf hineinfrisst. Haben Sie dann nach einem halben Jahr immer noch nichts gefunden, kommt ein Bewerbungsempfänger schnell zu dem „Urteil“, irgendwas stimme ja wohl nicht mit Ihnen. Sie hätten ja beliebig viel Zeit, sich um einen neuen Job zu bemühen – und wenn dabei in sechs Monaten nichts herausgekommen sei, dann spräche das dafür, dass man sich den Bewerber, der hinter diesen Unterlagen steckt, gar nicht mehr persönlich anzusehen brauche. Weil das „Tausende“ schon mit negativem Ergebnis getan haben müssten.

Oder Sie stoßen plötzlich auf ein außerordentlich spannendes, beste Chancen bietendes, aber bei Ihrem Werdegang als „total verrückt“ geltendes Angebot. Sie wissen: Das kann gutgehen, muss aber nicht. Nur, wenn es schiefgeht, steht es plötzlich unübersehbar als Bruch im Lebenslauf. Und wenn danach noch einmal irgendetwas „geschieht“, sind Sie „Wiederholungstäter“ mit allen Konsequenzen.

Das alles können Sie auch eine „Nummer kleiner“ und weniger spektakulär haben:
Die Spezialisierung im Studium auf eine Richtung, die „draußen“ kaum jemand kennt und in der Sie dann doch keinen Job finden, die spätere berufliche Tätigkeit in einer sehr speziellen, ganz eigenen Branche, der Verzicht auf mühsam errungene Führungsverantwortung beim Arbeitgeberwechsel (weil der neue Job fachlich so faszinierte), die Auflehnung gegen einen unbequemen Chef, die dann zur kurzen Dienstzeit im Lebenslauf führt: Ich sage nicht pauschal, Sie sollten es nicht tun. Man muss jeweils im Einzelfall abwägen. Aber ich will doch mahnen: Achten Sie in solchen Fällen darauf, ob Ihre „Papiere“ später unübersehbar Merkwürdigkeiten enthalten. Die sich nur allzu leicht addieren. Und irgendwann will der Arbeitsmarkt keine Ausreden für „Besonderheiten“ mehr hören – und wirft Ihre Unterlagen auf den Absagestapel. Z. B. in Konjunkturkrisen.

So weit, so gut. Aber ist es denn nicht im höchsten Maße ethisch angreifbar, bei Fehlern und Schwächen zwischen zwei Kategorien zu unterscheiden, nämlich solchen, die bloß niemand bemerkt und solchen, die sich in Papieren niederschlagen? Die Antwort kann nur lauten: Es ist sowohl ethisch nicht sauber als doch auch wieder systemkonform. Ich will damit nicht sagen, der Schein sei wichtiger als das Sein – aber die „Wahrheit“ liegt schon in dieser Richtung. Wir unterliegen alle diesem Phänomen – und wählen ja auch nicht die objektiv besten Politiker, sondern jene, die wir für gut halten. Und dazu gehört, dass wir möglichst nichts Kritisches über sie in der Zeitung gelesen haben. Wobei die Berichte in den Medien für diesen Personenkreis in etwa das sind, was in unseren Kreisen „Unterlagen“ heißt, die man dann bei Bewerbungen vorlegt.

Kurzantwort:

Wir alle machen Fehler und haben Schwächen. Auf diese Erkenntnis darf ich nicht allzu stolz sein: Es muss im Laufe der Entwicklung der Menschheit schon jemand vor mir darauf gekommen sein.

Frage-Nr.: 441
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-06-26

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