Heiko Mell

Ein bisschen Siemens ist überall

Antwort:

Am 08.05.2014 schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung unter der Überschrift „Joe Kaeser sichert seine Machtbasis ab“ u. a.: „Der pflichtbewusste und zielstrebige Siemens-Chef hat am Mittwoch eine recht deutliche Aussage gegeben. Er brauche keine Leute im Umfeld, die Widerworte geben.“

Ich nehme das einfach einmal so, wie es geschrieben steht. Und ich bin dankbar für diese klare Darstellung. Mir geht es nicht um die Neugestaltung dieses Konzerns, die ich weder werten kann noch will. Aber in jenem schlichten Satz mit den Widerworten steckt so viel an fundamentaler Aussage über unser ganzes System, dass ich große Teile meiner jahrelangen Aufklärungsarbeit bestätigt finde.

Diese Rubrik dient weniger der uferlosen Diskussion darüber, ob etwas gut oder schlecht ist oder anders besser zu machen wäre. Mir reicht der Aufklärungseffekt für die vielen Unwissenden: „So ist es nun einmal.“

Und allein das ist mitunter für Teile unserer Leser schon „schwere Kost“. Mir schlägt insbesondere aus Kreisen jüngerer und damit noch häufig idealistisch denkender Leser ein „Das kann doch alles nicht wahr sein“ entgegen. Die Antwort ist knapp: Doch, es kann nicht nur, es ist sogar. Siehe obiges Zitat aus dem Bereich eines unserer Vorzeigekonzerne.

Damit wir uns nicht missverstehen: Ein Geschäftsführer von Ende 40 wird bei diesem Thema nur die Schultern zucken und murmeln: „Habe ich schon lernen müssen.“ Aber je geringer die Praxis in Jahren, desto größer der Orientierungswert solcher Zitate. Genau hier liegt nämlich einer der Gründe für die vielen Aufhebungsverträge mit Managern.

Kann, wenn das bei einer 1. Adresse der deutschen Industrie so dargestellt wird, es bei der Mehrzahl der anderen Unternehmen grundlegend anders sein? Es könnte zwar, aber wahrscheinlich ist das nicht. Ein bisschen so ist es überall. Denn: Großkonzerne haben eine prägende Wirkung auf die ganze Wirtschaft.

Wobei Widerspruch sogfältig definiert werden muss: Destruktiver ist im Sinne obigen Zitats extrem gefährlich für die eigene Karriere; er ist gekennzeichnet durch das Empfinden des Chefs, da stelle sich jemand den eigenen Zielen entgegen. Wie ein Baum, der quer auf der Straße liegt. Konstruktive Widerworte hingegen sind erlaubt – und ermöglichen es entsprechend angegriffenen Chefs zusätzlich, jeden Verdacht zu zerstreuen, sie reagierten etwa gereizt auf Widerspruch. Konstruktiv wäre solcher etwa so formuliert: „Ich soll 5% der Köpfe einsparen? Nein, Chef, da widerspreche ich entschieden. Die von Ihnen genannten Ziele sind so toll, da werde ich mit 7% Einsparungen zur Erfüllung beitragen. Etwas anderes kommt für mich gar nicht infrage.“ Der wäre der richtige Partner für alle Chefs, die keine Jasager mögen.

Und beachten Sie bitte, dass sich jede Führungskultur von oben nach unten durchfrisst. Ein Konzernchef, der keine Leute „braucht“, die Widerworte geben, hat bald nachgeordnete Manager, die auch keine Leute „brauchen“, die … Und die wiederum haben bald nachgeordnete Führungskräfte, welche … Falls auch Sie sich jetzt fragen, wo eigentlich der Sensationswert dieses Beitrags liege, das sei doch Standardwissen für Führungskräfte – dann haben Sie sich soeben als langjähriger Leser geoutet. Denn ich habe es ja immer schon geschrieben.

Und Sie sagen bitte nicht: „Ich als Konzernchef würde das alles ganz anders machen.“ Die Entgegnung nämlich müsste lauten: Sie kämen dann erst gar nicht dorthin. Das System hat halt seine Zwänge.

Zu denen gehört, dass es eine wahre Herkulesaufgabe ist, einen derart großen, tief verschachtelten und in seiner Tradition verwurzelten Konzern umzugestalten. Denn jede Administration hat ihr „gesundes Beharrungsvermögen“ – und altgediente Manager pflegen nicht zu frohlocken: „Veränderungen? Klasse, vielleicht werde ich dabei überflüssig. Das wäre gut für den Aktienkurs.“Nein, da gibt es Widerstände und Widerworte. Beides kann, wer umgestalten will, tatsächlich nicht gebrauchen. Die Sensation ist lediglich, dass dies so offen in jener Zeitung steht. Der ich dafür sehr dankbar bin.

Kurzantwort:

Am 08.05.2014 schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung unter der Überschrift „Joe Kaeser sichert seine Machtbasis ab“ u. a.: „Der pflichtbewusste und zielstrebige Siemens-Chef hat am Mittwoch eine recht deutliche Aussage gegeben. Er brauche keine Leute im Umfeld, die Widerworte geben.“

Frage-Nr.: 440
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-06-05

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