Heiko Mell

Manches ist glatt gelogen

Antwort:

Da sagt der Lebenslauf: „04/1998 – 12/2010 Max Müller & Co.; Produktionsleiter mit 300 unterstellten Mitarbeitern.“ In diesem Fall glaube ich das nicht eine Sekunde lang. Im März 1998 hatte der Kandidat schlappe zwei Jahre Berufspraxis, niemand stellt so jemanden als Chef von 300 Leuten ein. Das muss einfach gelogen sein.

Ein Blick in das Zeugnis (gut, dass es die gibt, selbst wenn man sie in Amerika nicht kennt) zeigt: Die Skepsis war berechtigt! 1998 erfolgte die Einstellung als Betriebsingenieur in der Fertigung. 2002 wurde er stellvertretender Leiter eines Fertigungsteilbereiches mit 80 Mitarbeitern, 2004 bekam er die verantwortliche Leitung dieses Fertigungssegments. 2007 wurde er – unter Beibehaltung dieser Funktion – zunächst Stellvertreter des Produktionsleiters. 2008 dann gab es die ersehnte Beförderung zum Produktionsleiter.

Fazit: Der Lebenslauf für die Jahre 1998 bis 2002 ist brutal gelogen, für die Jahre 2002 bis 2007 einfach gelogen und für 2007 bis 2008 unkorrekt geschönt, vorsichtig gesagt. Für die letzten zwei von zwölf Dienstjahren stimmt er dann wieder – eine ganz miserable Wahrheitsquote. Was macht man mit so einem Kandidaten? Sagen Sie es mir.

Natürlich glaube auch ich nicht daran, hier einem besonders ausgebufften Urkundenfälscher begegnet zu sein. Schließlich hat er das Zeugnis, mit dem man ihn überführen konnte, selbst beigelegt.

Aber natürlich steht sofort der Verdacht im Raum, bei der heutigen Position, über die es noch kein Zeugnis gibt, sei er ähnlich großzügig mit der Wahrheit umgegangen.Und ob wohl die diversen Aussagen im Anschreiben, für die es gar keinen Beleg gibt, alle stimmen?

Wenn Sie nun dazu neigen sollten, diese Unkorrektheit eher für eine kleinere, verzeihbare Sünde zu halten, dann bleibt mir noch der Hinweis auf den Status einer Bewerbung als Arbeitsprobe: Hier geht es um den Kandidaten höchstpersönlich, es geht um seine Existenz, sein Einkommen, die Ernährung seiner Familie. Und seine Angaben im Lebenslauf waren in höchstem Maße unzuverlässig, schlicht falsch. Wie wird erst sein routinemäßiger Produktionsbericht an den Vorstand aussehen? Schreibt er 4000 Stück/Schicht, wenn es nur 400 waren oder wo liegt seine Grenze?

Fragen dieser Art muss der Bewerbungsempfänger auch beantworten, wenn er über die Einstellung entscheidet.Verstehen Sie jetzt, warum man in Zeugnissen so gern „…war absolut zuverlässig“ liest?

Und bei der Gelegenheit: Diejenigen Unternehmen, die ihre Bewerber zum Ausfüllen einer starren Maske auf ihrer Homepage zwingen, wissen gar nicht, was ihnen damit entgeht. Die Analyse der frei gestalteten Bemühungen der Kandidaten ist etwas aufwendiger, erweist sich aber als Fundgrube für Bewertungen und Beurteilungen der unterschiedlichsten – auch unterhaltsamen – Art. Natürlich nur, wenn man sein Metier der Bewerberauswahl ein wenig beherrscht.

Kurzantwort:

Da sagt der Lebenslauf: „04/1998 – 12/2010 Max Müller & Co.; Produktionsleiter mit 300 unterstellten Mitarbeitern.“ In diesem Fall glaube ich das nicht eine Sekunde lang. Im März 1998 hatte der Kandidat schlappe zwei Jahre Berufspraxis, niemand stellt so jemanden als Chef von 300 Leuten ein. Das muss einfach gelogen sein.

Frage-Nr.: 438
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-05-15

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