Heiko Mell

Alle haben Fürsprecher, nur das Unternehmen nicht

Täglich mühen sich Tausende von Angestellten darum, ihr arbeitgebendes Unternehmen irgendwie nach vorn zu bringen. Dieses Engagement ist bewundernswert, findet aber irgendwie in einem imaginären, „leeren“ Raum statt. Denn in unserer Wirtschaftsordnung gibt es die Interessen des Unternehmens ebenso wenig wie eine „automatische“ Verpflichtung von Mitarbeitern, ihnen zu dienen.

Bei den beiden anderen von diesem Thema tangierten „Größen“ ist für deren Interessenvertretung hinreichend gesorgt:
Die Mitarbeiter des Unternehmens haben ihre Betriebsräte und Gewerkschaften, das Arbeitsrecht und oft sogar noch eine wachsame Öffentlichkeit. Ihnen steht eine Fürsorge des Arbeitgebers zu und darüber hinaus gibt es oft auch noch verständnisvolle Vorgesetzte, die sich ihrer – nicht immer ganz selbstlos – annehmen. Das Dasein dieser Mitarbeiter ist oft kein Zuckerschlecken, aber an sie wird pausenlos gedacht – und sei es von ihnen selbst.

Die Eigentümer des Unternehmens haben über das Unternehmen die nahezu absolute Macht, können und dürfen fast alles. Sie wahren – natürlich – ihre eigenen Interessen. Sie können und dürfen auch die Belange des Unternehmens im Auge haben, müssen das aber nicht. Sie können ihre Anteile verkaufen, sie können das Unternehmen schließen, fusionieren, aus steuerlichen Gründen in die Insolvenz treiben oder sonst wie verwerten. Bieten Sie einmal Aktionären etwas mehr für ihre Anteile als sich an der Börse auf absehbare Zeit erzielen lässt: Sie werden verkaufen. Was aus dem Unternehmen wird, ist ihnen nur allzu oft ziemlich gleichgültig. Sie denken – nicht alle und nicht immer, aber doch – an sich. Um sie müssen wir uns keine Sorgen machen, die Wahrung ihrer Interessen ist gewährleistet.

Und die Vorstände, Geschäftsführer, die Ebenen darunter? Wenn Sie es sorgfältig analysieren, werden Sie sehen: Diese Manager steuern das Unternehmen nach den Vorgaben der Eigentümer, die allein sie berufen und entlassen. Diese Vorgaben werden immer den Gesellschafter-Interessen dienen. Aber wenn die Anteilseigner Hedgefonds sind, sehen die Ziele anders aus als bei einem Familienunternehmen in der vierten Generation. Hundertfach sind Top-Manager gescheitert und gefeuert worden, weil sie versucht haben, die Unternehmensbelange (wie sie sie sahen) gegen den Willen der Eigner durchzusetzen, ohne dafür ein Mandat zu haben (das es nicht gibt!).

Nein, es klingt wie ein Witz und man muss auch erst einmal darauf kommen, aber: Diese vielen Unternehmen, die unsere Volkswirtschaft ausmachen und deren Wohl und Wehe täglich unser ganzes Bestreben gilt, haben in Wirklichkeit niemanden, der aufgerufen wäre, nur und vorrangig ihren Interessen zu dienen. Wir tun nur immer so, als gäbe es so etwas.

Was ziehen wir daraus für Konsequenzen?

1. Vorstände und Geschäftsführer, die „wegen unüberbrückbarer Differenzen“ mit den Gesellschaftern oder mit deren Vertretern gehen mussten, hatten gar kein Mandat für ihre anderweitige Auffassung, was für die Interessen der Gesellschaft besser gewesen wäre. Sie haben die Vorstellungen der Eigentümer umzusetzen. Dabei funktionieren sie eben oder auch nicht. Nicht ist nicht gut.

2. Wer bei eventuellen Auffassungsdifferenzen „recht“ hat, spielt schon aus grundsätzlichen Erwägungen heraus keine Rolle. Es gibt gar keine so zu definierende Interessenlage des Unternehmens. Dieses ist Spielball von Interessen, ohne selbst welche geltend machen zu können.

3. Für alle Führungskräfte unterhalb der Organebene und für alle Mitarbeiter gilt das entsprechend. „Ich weiß am besten (oder besser als mein Chef), was den Interessen des Unternehmens dient“, kann schon deshalb nicht stimmen, weil es diese Ansprüche gar nicht gibt. Wenn es bei der täglichen beruflichen Arbeit Interessen gibt, dann solche der Unternehmenseigner oder z. T. mächtigen Interessenvertreter der Mitarbeiter. Das Unternehmen selbst hat keine Lobby.

4. Ich weiß nicht, ob ich das im Detail völlig korrekt übersehe (das ist nun wirklich nicht mein Spezialgebiet), aber es scheint so als käme der erste wirkliche „Mandatsträger“ der Unternehmensinteressen ins Spiel, wenn ein Insolvenzverwalter versucht, die Fortführung des Unternehmens zu erreichen. Das kann man traurig nennen oder auch witzig, je nach Gemütslage.

Damit Sie beruhigt sein können, noch zwei Anmerkungen:

a) In einem nicht bezifferbaren, aber existierenden Prozentsatz aller Fälle stimmen – oft nur für eine bestimmte zeitliche Phase – die Interessen der Eigentümer mit denen der Gesellschaft überein. Aber meist kommen Gesellschafter gar nicht auf die Idee, dass ihr Unternehmen eigenständige, von ihnen abweichende Interessen haben könnte.

b) Man sollte diese ganzen Zusammenhänge kennen und bei seinen Ausrichtungen und Handlungen berücksichtigen – aber man spricht nicht darüber. Wenn man spricht, dann so: „Wir arbeiten alle stets zum Wohle und im Interesse des Unternehmens.“ Aber Sie sollten wissen, dass diese Aussage auf tönernen Füßen steht. Weil das Unternehmen Gewinne machen oder Steuerschulden haben kann – aber klar definierte eigene Interessen hat es eigentlich nicht (zu haben).

Wer noch zweifelt, beschäftige sich mit der Geschichte ehemals bedeutender deutscher Unternehmen, auch und gerade ganz großer Namen aus diesem Kreis.

Frage-Nr.: 436
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-04-03

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