Heiko Mell

Ich weiß nicht, was ich will

Antwort:

Es gibt Fixpunkte im Leben, an denen eine Entscheidung über die ab jetzt einzuschlagende Richtung fällig wird. Ist man an einem dieser Punkte angekommen, kann sich aber noch nicht festlegen, drohen Fehlentwicklungen, Frustrationen etc.

Also gilt es, seine „Hausaufgaben“ entsprechend zu machen. Oder, was bei manchen Kandidaten auch schon ein großer „Fortschritt“ wäre, es ernsthaft zu versuchen.Erster dieser Punkte ist der Grundschulabschluss, dort wird die Entscheidung über die nächste Schulart fällig. Hier helfen Eltern und Lehrer. Immerhin liefert das Kind durch sein vorangegangenes Leistungsverhalten wesentliche Indizien.Zweiter Punkt ist die Studienwahl nach dem Schulabschluss. Hier wird eine wesentliche Weiche gestellt. Schlimmer noch: Die einige Jahre vorher fällige Wahl der Leistungskurse sollte nach Möglichkeit schon dazu passen. Standardbeispiel: Ein späteres Studium der Ingenieurwissenschaften an der TH/TU ohne Leistungskurs Mathematik ist möglich, muss aber bereits als mutig gelten.

Schulabgänger haben sehr häufig Informationsdefizite im Hinblick auf die Anforderungen und Aussichten, die ein künftiger Beruf – für den sie sich mit dem Studium weitgehend festlegen – stellt bzw. bietet. Hier ist von ihnen in den letzten Schuljahren zunächst einmal Offenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber jenen berufsrelevanten Informationen gefragt, die ohnehin täglich auf jeden Menschen einwirken: Eltern, eventuell Geschwister, Verwandte und Bekannte erzählen, die Medien berichten; der Kontakt mit dem Thema ist nahezu unvermeidbar, ständig werden die Jugendlichen mit Menschen „in Berufsausübung“ konfrontiert. Man braucht in diesem Bereich nur nicht betont desinteressiert wegzuschauen, dann ergibt sich schon eine solide Basis.Die eigentliche „hohe Schule“ in dieser Zeit aber ist das aktive Sammeln von Informationen. Über Berufe, über Studiengänge, über Berufsaussichten allgemein und speziell über sich selbst, über seine Stärken und Schwächen (Maßstab sind die anderen). Natürlich verändern sich Persönlichkeiten noch, hinzukommende Partner verändern womöglich noch mehr, aber häufig zeigt sich doch das Grundgerüst schon recht deutlich.

Man muss in dem Alter akzeptieren, dass so langsam ein „Ich weiß nicht, was ich will, ich weiß nicht, was ich kann und ich will mich auch damit nicht beschäftigen“ keine Lösung mehr ist. Sich zu entscheiden kann man lernen, schlimmstenfalls nimmt man erst einmal eine weit verbreitete Standardrichtung und arbeitet so lange daran weiter, bis sich neue Gesichtspunkte oder Interessen ergeben. Aber das Thema zu leugnen oder zu ignorieren ist nicht akzeptabel.

Ich glaube nun, dass viele junge Leute hier ihrer im ureigenen Interesse liegenden Verpflichtung, sich um diese ureigenen Belange zu kümmern, nicht gerecht werden. Sieht man die Möglichkeiten des Internets, die enorme Energie, mit der die Jugendlichen darauf zugehen und die magere Quote an Zeit, die der Beschaffung berufsrelevanter Daten gewidmet wird, dann ist diese Feststellung sicher gerechtfertigt.

Und da es um die Studienwahl geht, sei die Mahnung erlaubt: Sie werden nach dem selbst gewählten Studium Angestellte sein, also abhängig Beschäftigte. Als solche brauchen sie dann einen Job, am besten mehrere zur Auswahl. Also sollten sie sich kümmern, möglichst nicht nur um ihre Neigungen und Talente, sondern gleichzeitig und vor der Festlegung auch um den Arbeitsmarkt für die ins Auge gefasste Berufsgruppe. Die Informationen darüber liegen „auf der Straße“.

Dritter Fixpunkt, an dem eine weitere Festlegung getroffen werden muss (werden soll, wäre hier zu schwach), ist die Zeit kurz vor dem Studienabschluss, wenn es um den Berufseinstieg geht.Wieder ist die Bereitschaft zu fordern, passiv positiv und aufgeschlossen auf die zwangsläufig auf jeden Studenten in den letzten Semestern hereinprasselnden Informationen zu reagieren und wieder muss zusätzlich ein rechtzeitiges aktives Suchen nach Fakten und Hintergrundinformationen auf diesem Gebiet einsetzen. Auch dafür gelten die beim Thema Schulabschluss schon aufgezeigten Instrumente.

Hinzu kommt jetzt aber eine aktive persönliche Orientierungsphase, aus der man schöpfen kann, wenn sie richtig angelegt wurde. Diese besteht aus Praktika, aktiven Werkstudententätigkeiten und der Diplom-(Bachelor-/Master-)Arbeit. Aktivitäten dieser Art kann man breit streuen, um entsprechend vielfältige Entscheidungsgrundlagen zu haben – oder man konzentriert sie rund um die bereits feststehende Zielrichtung, um diese abzusichern. Außerdem ist eine solche Konzentration ein hervorragendes Argument bei späteren Bewerbungen.

Am Schluss und zeitlich möglichst drei Monate vor dem Studienende (das meist im Ausstellungsdatum der späteren Diplomurkunde gesehen wird) liegt dann die Hauptzielrichtung der nun anstehenden Bewerbungsaktion fest:

  • Tätigkeitsrichtung
  • Branche
  • Firmenart und -größe

Beispiele: Gesucht wird vorzugsweise ein Einstieg als Entwicklungs-/Konstruktionsingenieur bei einem mittelständischen deutschen Unternehmen der Werkzeugmaschinenindustrie. Oder eine Anfängerposition in der Produktion bei der Tochter eines internationalen (amerikanischen) Herstellers von Konsumgütern.“Hauptzielrichtung“ und „vorzugsweise“ bedeuten, dass dies vor allem Orientierungshilfen sind. Man darf auch ein Prinzip nicht zu Tode reiten. Und wenn eines dieser Zieldetails letztlich aus wohlerwogenen Gründen bei der entscheidenden Festlegung anders gewählt wurde, ist das in Ordnung.

Parallel dazu ist spätestens seit Schulabschluss ein persönliches Erkundungsprogramm zu verfolgen: Was kann ich wirklich, wo bin ich schwächer als andere, was bedeutet mir etwas, welche allgemein hochgehandelten Erfolgselemente sind mir eventuell höchst gleichgültig (z. B. Geld)? Auch das ist erfahrungsgemäß machbar.Dies alles ist so klar auf der Hand liegend und so einfach zu realisieren, dass ein „Ich weiß nicht, was ich will“ nicht zu akzeptieren ist. Es ist dann eher ein „Ich wollte mich nicht damit beschäftigen, was ich will und was ich kann; es hat mich nicht interessiert, ich war nicht bereit, Aufwand in eine solche Frage zu stecken.“ Das wiederum ist glaubhaft und absolut erlaubt – man muss dann aber auch die Konsequenzen tragen, die daraus resultierenden Probleme sind nicht unverschuldet.Wenn das nun alles immer noch nicht klappt, dann hätte ich noch eine Empfehlung: Sie schwanken zwischen zwei oder gar mehreren Varianten und können keine Lösung finden? Erzwingen Sie eine Festlegung, indem Sie sich selbst eine Frist von etwa 24h setzen, danach entscheiden Sie sich. Notfalls würfeln Sie, aber es muss etwas geschehen! Und dann bleiben Sie bei dieser Variante, verlieren kein Wort mehr über die anderen, engagieren sich – los geht´s. Wenn man sich in der so gefundenen Richtung mit „Volldampf“ betätigt, kommen Erfolgserlebnisse „von allein“. Außerdem gilt: „Der Appetit kommt beim Essen“, das ist schon anderen vor Ihnen so gegangen. Und nicht vergessen: Es war ja keine willkürlich herausgefischte Variante, sondern eine von zweien, die irgendwie beide ihren Charme gehabt hatten.

Ach und Formulierungen wie „Hätte ich nicht doch besser die andere Variante gewählt“ gibt es gar nicht.So, damit hat der Autor dieser Serie das gravierende Problem (es ist weit verbreitet) endgültig gelöst, die jungen Leute handeln jetzt entsprechend und die Menschheit hat einen Schritt nach vorn gemacht. Nur, das glaubt nicht einmal er. Aber er fühlt sich jetzt besser. Es war doch gut, dass wir darüber einmal geredet haben.

Aber zu meiner Ehrenrettung sei gesagt: Ich glaube fest daran, dass es in diesem Sinne funktioniert – sofern jemand das wirklich will. Woran es allerdings oft hapert. Es reicht nicht, sich auf seinem Sofa lässig zurückzulehnen und zu sagen: „Man vermittle mir, was ich eigentlich will, man erleuchte mich“. Ich verrate hier, allerdings ungern, ein bisher geheim gehaltenes Rezept: Hinter jedem Erfolg, auch im schnöden Beruf, steckt harte Arbeit. Leider führt harte Arbeit nicht in jedem Fall zum Erfolg. Aber soll man sie deshalb von vorneherein meiden?

Kurzantwort:

Es gibt Fixpunkte im Leben, an denen eine Entscheidung über die ab jetzt einzuschlagende Richtung fällig wird. Ist man an einem dieser Punkte angekommen, kann sich aber noch nicht festlegen, drohen Fehlentwicklungen, Frustrationen etc. Also gilt es, seine „Hausaufgaben“ entsprechend zu machen. Oder, was bei manchen Kandidaten auch schon ein großer „Fortschritt“ wäre, es ernsthaft zu versuchen.

Frage-Nr.: 435
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 13
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-03-27

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