Heiko Mell

Ich entscheide, also bin ich

Antwort:

Gut, die Überschrift ist nicht so furchtbar originell – aber Sie haben sie immerhin gelesen. Nun bin ich beileibe nicht der Erste, der den von Descartes schon 1644 veröffentlichten Ausspruch, der heute mit „Ich denke, also bin ich“ übersetzt wird, ein wenig abwandelt. Man stößt in der Jugend- und Spontisprache (sagt der Zitate-Duden) auf so ungewöhnliche Varianten wie „Ich denke, also bin ich hier falsch“ bis hin zu „Ich jogge, also bin ich“.

Apropos Jugend: Es soll ja mit ihr, so heißt es, in Sachen Eignung für die künftige Übernahme von Managerfunktionen nicht mehr so weit her sein. Das verbreitet sie u. a. selbst über sich:In der hier im Raum führenden Tageszeitung (KSTA) gibt es so eine Art „Nachwuchs-Redaktion“, in der junge Leute vom Schüler bis zum Studenten im Erststadium mitarbeiten, angelernt und vorbereitet werden. Und in regelmäßigen Abständen darf ein Mitglied der Gruppe einen Beitrag darüber veröffentlichen, was ihn bewegt.

Da schrieb dann eine junge Dame, in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis sei die Fähigkeit zu Entscheidungen abhanden gekommen – weil das ja mit eindeutigen Festlegungen verbunden sei. Von denen man dann nicht wieder herunterkäme. Beispiel: Niemand kaufe mehr Veranstaltungskarten mit Vorausrabatt, weil man dann für jenen Abend festgelegt sei. Es könnte sich ja kurzfristig für diesen Termin ein noch attraktiveres Ereignis auftun, für das man dann nicht mehr frei sei. Ähnliches gälte für diverse andere Festlegungen, die man immer erst im letztmöglichen Augenblick träfe. Nur so könne man sicher sein, dass man mit der frühzeitigen Festlegung nicht Chancen irgendwelcher Art ruiniert. Also verabrede sich auch niemand mehr schon am Montag für das Wochenende – aus den genannten Gründen. Zur Ehre der jungen Verfasserin des Beitrags sei gesagt, dass sie das absolut nicht nachahmenswert fand.

Ich kann nicht beurteilen, auf welchen Teil der jungen Generation diese Beobachtung zutrifft, aber denkbar ist ein Verhalten der geschilderten Art schon. Es gibt so etwas in etwas anderer Form auch bei etwas älteren Erwachsenen. Es nennt sich Entscheidungsschwäche – und es ist eine kritische Angelegenheit.

Denn wer im Berufsleben auch nur ein Mindestmaß an Verantwortung für sachliche Regelungen oder gar für Menschen übernehmen will, muss Entscheidungen treffen. Nach meiner oft vorgestellten Definition ist eine Entscheidung in diesem Sinne die Festlegung auf eine von mehreren Handlungsmöglichkeiten, ohne im Moment der Festlegung alle wünschenswerten Informationen zu haben. Zu jeder(!) Entscheidung gehört also ein gerüttelt Maß an Unsicherheit, jede Entscheidung kann sich hinterher als falsch erweisen. Die Antwort darauf ist: „Na und?“ Denn damit muss man leben.

Ich z. B. muss einige Zeit vor Abdruck eines Beitrages für die Serie entscheiden, ob ich dieses Thema nehme oder ein anderes. Und ich weiß vorher nicht, ob und wie es bei Ihnen ankommt. Na und? Das gehört halt dazu. Aber die Entscheidung muss wöchentlich getroffen werden.

Und nun die gute Nachricht: Man kann das Entscheiden üben. Wieder und wieder, bis es in Fleisch und Blut übergeht. Für unseren Nachwuchs: Einfach montags eine Verabredung fürs Wochenende treffen, dieses dann in Sachen Termine abhaken und jede für dieses Datum neu auftauchende Versuchung abperlen lassen: „Da kann ich nicht, da habe ich etwas vor.“

Und dann müssen sie durch ständige Wiederholung lernen, mit den Festlegungen zu leben. Mal gewinnt man, mal verliert man. Auch der Nicht-Entscheider verliert oft; Er zahlt an der Abendkasse den höheren Preis; was er montags nicht wollte, ist samstags dann ausgebucht etc. Es gibt nicht den geringsten Beweis dafür, dass die Entscheidungs-Verweigerer letztlich mehr erreichen. Man kann sogar üben, in 10 Sekunden auf der Restaurant-Speisekarte ein Gericht auszuwählen. Denken Sie einfach, so etwas sei „in“.

Die Vorteile liegen deutlich auf der Seite derjenigen, die eine Entscheidung dann treffen, wenn sie gefordert wird: Sie haben bis zum Ereignis den Kopf frei, müssen nichts mehr gegeneinander abwägen, können langfristig planen. Sie müssen nur „hätte ich doch bloß“ aus ihrem Wortschatz streichen.Vor allem aber: Wer so handelt, der kann entscheiden! Das wiederum ist eine unverzichtbare Eigenschaft für beruflich Anspruchsvolle.

Für den, der mir nicht folgen mag und bei seiner Unentschlossenheit bleibt, gibt es auch noch einen Trost: In Vorstellungsgesprächen wird so oft nach „persönlichen Schwächen“ gefragt. Da lässt sich dann trefflich verkünden: „Ich kann nicht entscheiden.“ Wieder ein Problem gelöst. Noch dazu bleiben dem Kandidaten die Mühen erspart, mit einer anspruchsvollen Position zurechtkommen zu müssen …

(Zur Sicherheit: Ich habe versprochen, diese Serie nur mit ernstgemeinten Aussagen zu füllen und keine Glosse daraus zu machen, auch wenn ich manchmal etwas ironisch formuliere. Also warne ich: Dieses letzte Beispiel mit der Schwäche ist ein Grenzfall; aber nur in der Formulierung, nicht in der sachlichen Aussage.)

Kurzantwort:

Gut, die Überschrift ist nicht so furchtbar originell – aber Sie haben sie immerhin gelesen. Nun bin ich beileibe nicht der Erste, der den von Descartes schon 1644 veröffentlichten Ausspruch, der heute mit „Ich denke, also bin ich“ übersetzt wird, ein wenig abwandelt. Man stößt in der Jugend- und Spontisprache (sagt der Zitate-Duden) auf so ungewöhnliche Varianten wie „Ich denke, also bin ich hier falsch“ bis hin zu „Ich jogge, also bin ich“.

Frage-Nr.: 434
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-03-20

Top Stellenangebote

Wohnungsbaugenossenschaft der Justizangehörigen Frankfurt am Main e. G.-Firmenlogo
Wohnungsbaugenossenschaft der Justizangehörigen Frankfurt am Main e. G. Diplom-Ingenieur/in / Architekt/in (m/w/d) Frankfurt am Main
HOPPECKE-Firmenlogo
HOPPECKE Systemtechniker (m/w/d) deutschlandweit
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG-Firmenlogo
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG Entwicklungsingenieur Berechnung Getriebekomponenten (w/m/d) Bruchsal
M Plan GmbH-Firmenlogo
M Plan GmbH Elektrokonstrukteur (m/w/d) Dortmund
HOPPECKE-Firmenlogo
HOPPECKE Projekt Manager (m/w/d) deutschlandweit
HOPPECKE-Firmenlogo
HOPPECKE Content- und Kommunikationsmanager (m/w/d) deutschlandweit
OSMA-Aufzüge Albert Schenk GmbH & Co KG-Firmenlogo
OSMA-Aufzüge Albert Schenk GmbH & Co KG Leiter Forschung & Produktentwicklung (m/w/d) Bereich Neuaufzüge, Modernisierung und Service Osnabrück
bonafide Immobilien GmbH-Firmenlogo
bonafide Immobilien GmbH Tragwerksplaner / Statiker (m/w/d) deutschlandweit
HOPPECKE-Firmenlogo
HOPPECKE Produktmanager Energiesysteme (m/w/d) deutschlandweit
OSMA-Aufzüge Albert Schenk GmbH & Co KG-Firmenlogo
OSMA-Aufzüge Albert Schenk GmbH & Co KG Leiter Konstruktion (m/w/d) Bereich Neuaufzüge, Modernisierung und Service Osnabrück

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: N…