Heiko Mell

Der ideale Job

Antwort:

Jeder hat so seine eigenen Vorstellungen. Die übrigens durchaus nachvollziehbar begründet werden und größtenteils ganz vernünftig zu sein scheinen. Ich weiß das, weil ich in vielen Beratungsgesprächen routinemäßig frage, wie er denn aussähe, der ideale Job.

Da geht es um wünschenswerte Anteile von konzeptioneller Tätigkeit kontra operativer, um Schnittstellenfunktionen, um Projektmanagement, um Aufgaben mit hohen Anteilen an geforderter Sozialkompetenz, um Generalistenfunktionen und internationale Einsätze (oder auch nicht), um einen möglichst vernünftigen Ausgleich zwischen Beruflichem und Privatem, um Spaß, den man dabei haben will und so weiter. Lässt man der Diskussion Raum, steht am Ende eine Position, die individuell auf die eigene Person ausgerichtet, quasi maßgeschneidert ist.

Und genau das, liebe Leser, geht nicht, ist gefährlich, führt am erstrebenswerten Ziel vorbei. Nicht solange man nur träumt; die Probleme beginnen erst, wenn der Traum irgendwann irgendwo Wirklichkeit werden soll.

Zur Erläuterung ziehe ich mich auf eines meiner gefürchteten Beispiele aus einem anderen Bereich des täglichen Lebens zurück: Wir haben Autos, lieben oder hassen sie, brauchen sie aber – und kaufen sie. Würde man uns nach dem jeweils idealen „Lieblingsspielzeug“ fragen, käme sicher eine „bunte Mischung“ höchst eigener Detailvorstellungen zu Karosserie-, Fahrwerks-, Motor- und Innenraumgestaltungsfragen heraus. Das ist verhältnismäßig harmlos, denn niemand baut uns dieses einmalige Traumfahrzeug – und könnte es jemand anbieten, überstiege der Preis unsere Möglichkeiten.Nein, als vom überschaubaren Gehalt lebende „Normalverbraucher“ sind wir darauf angewiesen, unsere Wahl schließlich unter den angebotenen Standard-Großserienfahrzeugen zu treffen. Manchmal hoffen wir (vergebens), nur wir hätten die Idee gehabt, jene spezielle Außenlackierung mit diesen besonderen Felgen und jener „einmaligen“ Sitzbezugsfarbe zu kombinieren. Und müssen dann akzeptieren, dass unsere so „individuell“ gestalteten Varianten doch wieder bloß „Feld-, Wald- und Wiesen“-Ausführungen sind.

Aber das hat auch Vorteile: Wenn wir Wartungs- oder Reparaturbedarf haben, finden wir sofort einen geschulten Werkstattpartner dafür. Und wenn wir den Wagen – eines Tages und warum auch immer – wieder loswerden wollen oder auch müssen (woran man beim Kauf noch gar nicht denken mag), dann gibt es da einen Markt, der unser Auto aufnimmt (und ein neues für uns im Angebot hat). Stellen Sie sich das Chaos vor, das zwangsläufig entstünde, wenn jeder sein Fahrzeug aus Millionen möglicher Einzelteile und lösungen selbst konfigurieren könnte. Wer dann seine „Individualkreation“ in Zahlung geben wollte, um ein neues, wieder zu seinem verwöhnten Geschmack passendes erwerben zu können, hätte Probleme gewaltigen Ausmaßes.

Nein, mit der Gepflogenheit, Standardautos aus der Großserienproduktion auszusuchen (und dabei auf die tollsten Traum-/Ideallösungen zu verzichten) und diese auf einem in Standard-Kategorien denkenden Markt wieder gegen ein neues Produkt in Zahlung zu geben, fahren wir ganz gut.Was nun kommt, ahnen Sie schon: Auf dem Markt für Jobs geht es zu wie auf dem für Autos. Die große Masse der Angestellten ist zur Sicherung ihrer „nackten Existenz“ darauf angewiesen, nicht nur eine sie befriedigende Position zu finden, sondern eine solche, die auf dem Arbeitsmarkt möglichst in jeder Phase ihres Berufslebens „in Zahlung gegeben“ und damit gegen eine neue eingetauscht werden kann. Das geht wie bei Autos mit Standard-Produkten aus der „Großserie“ des Arbeitsmarktes am besten. Es setzt voraus, dass man zu Abstrichen an den eingangs genannten Traumelementen bereit ist.

Wenn man sich dann noch die Definition des Angestellten vor Augen hält (er ist „abhängig beschäftigt“), dann ist es sogar gerechtfertigt, die Prioritäten bei der Positionswahl so zu setzen:“Ich brauche zwischen 25 und 65 immer einen Job. Also sollte ich eine Laufbahn vorzuweisen haben, die zu Standard-Positionen passt, welche es definitionsgemäß stets zahlreich gibt. Das eröffnet mir entsprechend viele Chancen, im Bedarfsfalle meine ‚alte‘ Qualifikation gegen eine neue Anstellung ‚in Zahlung zu geben‘. Wenn es bei dieser Vorgabe dann unter den Angeboten des Marktes Wahlmöglichkeiten gibt, kann ich auch noch Teile meiner speziellen Vorlieben ins Spiel bringen wie einen größeren Anteil konzeptioneller Tätigkeit, wie Schnittstellenfunktionen, Projektmanagement-Bausteine etc.“

Ob es sich bei einer neuen Position um einen „Großserienstandard“ handelt oder nicht, erkennen Sie am Angebot offener Stellen mit eben diesem Hintergrund. Finden Sie über mehrere Wochen in den Stellenangeboten keine weiteren Positionen, die Ihrem vermeintlichen Traumangebot gleichen, dann wissen Sie, dass Sie einen Exoten vor sich haben. Sie können ihn dennoch „kaufen“ – jede Versuchung hat ihren eigenen Reiz. Aber Sie kennen dann das besondere Risiko.

Sollten Sie noch immer eine Scheu vor Standardpositionen haben, werfen Sie einen Blick auf die Spitzen der betrieblichen Organisation: Geschäftsführer und Vorstände haben „stinknormale“, im Gesetz festgelegte Standardfunktionen mit Standardverantwortlichkeiten. Sie sind von Unternehmen zu Unternehmen ganz gut austauschbar. Wenn das ganz oben so ist, dann ist der Schluss erlaubt, auch „mittendrin“ dominierten die Standardpositionen. Den Geschäftsführern und Vorständen übrigens machen ihre Standardjobs in der Regel viel Freude. Es gibt keinen Grund, warum sie in ihrer beruflichen Jugend nicht auch an einem Standard-Gruppenleiterjob in der Entwicklung Spaß gehabt haben sollten. Freude an der Arbeit ist vorrangig eine Frage der inneren Einstellung.

Bliebe noch die Frage, wer dann wohl jene hochkomplizierten Jobs übernehmen soll, von denen man vorher nie gehört hatte und die schon nach der Beschreibung im Inserat kaum jemand versteht: Nun, Leute mit Freude an Problemen, Menschen, die diese Beiträge nicht lesen und beratungsresistente Kandidaten. Keine Angst, davon gibt es hinreichend viele.

Ich weiß, dass ich mich mit diesem Zahlenspiel wiederhole, riskiere das aber bewusst: Sie sind als ein Bewerber von 1.000, die sich pro Jahr um 100 freie Jobs eines Typs drängen, besser dran als einer von zehn Bewerbern, die sich pro Jahr um eine einzige offene Position „schlagen“. Statistisch ist die Chance gleich – aber im ersten Fall gibt es einhundert Bewerbungsmöglichkeiten, bei denen Sie Ihre besondere Qualifikation ins Feld führen können, im anderen ist mit einem „Versuch“ alles vorbei.

Kurzantwort:

Jeder hat so seine eigenen Vorstellungen. Die übrigens durchaus nachvollziehbar begründet werden und größtenteils ganz vernünftig zu sein scheinen. Ich weiß das, weil ich in vielen Beratungsgesprächen routinemäßig frage, wie er denn aussähe, der ideale Job.

Frage-Nr.: 432
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-03-06

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