Heiko Mell

Klartext gesprochen

Antwort:

Zeugnisse nach deutschem Arbeitsrecht sind komplizierte Abwägungen zwischen verdienter Beurteilung, erlaubten Formulierungen, Ansprüchen des späteren Lesers und – nicht zu vergessen – Erwartungen des hier mehr oder minder stark gelobten (das krasse Gegenteil wäre auch dann nicht zulässig, wenn es angebracht wäre) ehemaligen Mitarbeiters.

Es hat auch schon Rufe nach der Abschaffung dieses Instruments gegeben – eben weil es so kompliziert zu erstellen und weil sein Wahrheitsgehalt teils recht gering und teils sehr schwer zu ergründen ist. Nach dem derzeitigen Stand der Dinge lautet daher die Mahnung: Wenn Sie ein sehr gutes Zeugnis haben, beweist das wegen der vielen möglichen Entstehungsvarianten und der heterogenen Gruppe von Formulierern noch wenig – aber haben Sie bitte bloß kein schlechtes. Das ist, so viel ist unbestritten, in jedem Fall von großem Nachteil. Wobei ein schlechtes Zeugnis, wie man immer wieder betonen muss, auch durchaus verdient sein kann, ein gutes aber nicht immer verdient sein muss. Mitunter wird es auch bloß von einem hartnäckigen Anwalt erstritten.

Jetzt aber präsentiert plötzlich jemand einen Lösungsansatz, der fast revolutionär zu nennen wäre, käme er von einem der dominierenden großen Konzerne. Er kommt jedoch vom Gemeindevorstand einer Ortschaft, von der ich nie zuvor gehört habe und die wohl zu klein ist, um schon Stadt zu sein.

Da wird in einem Abschlusszeugnis in durchaus üblicher Form die gestellte Aufgabe beschrieben, dann werden Eigenschaften und Fähigkeiten bewertet, es wird – auch das in üblicher Form – alles Gute gewünscht.

Und dann steht abgesetzt darunter „Gesamtbeurteilung gut +“. Wenn das Schule machte, wäre das eine kleine Revolution. Andererseits würde eine dann ja auch mögliche 4 -der heute aktuellen Rechtslage wohl eher nicht entsprechen. Hier könnte man immer nur höchstens eine 3 vergeben, dann aber taugte die Idee nichts mehr.

Sie hat außer der rechtlichen Problematik noch einen anderen Nachteil: Der Arbeitgeber würde/müsste seinem nun ehemaligen Mitarbeiter deutlich und ehrlich ins Gesicht sagen, was er von ihm hält. Genau das ist eigentlich nicht gewollt. Bei 2 + geht das an, aber bei 3 – gibt es Ärger, Aufregungen, erbitterte Diskussionen. Da ist es schon ungefährlicher, diese 3 – in der heute üblichen verbalen Umschreibung so auszudrücken, dass der Mitarbeiter jene Einstufung nicht einfach beweisen kann, während der Bewerbungsempfänger immerhin ahnt, dass ihm hier ein schwieriger oder leistungsschwacher Kandidat entgegentritt.

Übrigens gibt es durchaus Personalfachleute, die Spaß haben beim Schreiben und Analysieren komplexer Zeugnisse. Da ich zu denen gehöre, habe ich auch eine Idee, wie man dieses Instrument entkrampfen und dennoch zu einem Träger wichtiger und für den Arbeitsmarkt wertvoller Informationen machen könnte:

1. Wir vergeben am Schluss eine zentrale Note, mit + oder – zusätzlich differenziert wie beim Studienexamen auch.Ob man darüber hinaus bei den Einzelkriterien (z. B. „Fachkenntnisse“) auch noch Noten vergibt oder verbale Beschreibungen verwendet, ist zunächst offen.

2. Dann aber – und das ist durchaus ein Kern meiner Anregung – muss man die gesamte Bewertung relativieren. Heute steht dort „er war …“, als handele es sich um eine Wahrheit mit Absolutheitsanspruch. Ohne Einschränkung dürfte man die ja stets auch subjektiv gefärbte Einstufung des Vorgesetzten beim Arbeitgeber nicht den Bewertungen ausgebildeter Lehrkräfte in Schule und Studium gleichstellen, die unter staatlicher Aufsicht und nach sorgfältig ausgearbeiteten Lehr- und Prüfvorschriften arbeiten.

Also müsste oben über einem Arbeitgeberzeugnis, das unten mit einer 3 + (beispielsweise) endet, ein vorgeschriebener Standardtext stehen wie etwa:

„Nachstehend bewertet der Arbeitgeber, der auf dem Arbeitsmarkt ähnlich einem Käufer auftritt, den Arbeitnehmer, den er im angegebenen Zeitraum beschäftigt hat. Das Urteil beruht wesentlich auf der Einschätzung des/der Vorgesetzten, die der Arbeitnehmer in dieser Phase hatte. Diese Vorgesetzten haben meist keine spezielle Ausbildung dafür, bewegen sich aber innerhalb eines in diesem Unternehmen üblichen Verfahrens. Das Urteil ist zwangsläufig auch subjektiv geprägt, es kann keinen Anspruch auf eine absolute Wahrheit erheben, die es in diesem Metier auch nicht geben kann. Auch der beurteilende Vorgesetzte ist nicht zwangsläufig perfekt. Vor allem aber gilt das Urteil nur für die konkrete Arbeitsumgebung und für deren Prägung durch zufällig dort vorhandene Menschen auf allen hierarchischen Ebenen.

Dieses Urteil kann also nicht verallgemeinert werden; in anderer Umgebung, mit anderen Aufgaben und unter anderen Vorgesetzten sind andere Bewertungen des Arbeitnehmers möglich.“

Achtung: Noch ist das nur eine Idee, bitte nicht einfach umsetzen.

Kurzantwort:

Zeugnisse nach deutschem Arbeitsrecht sind komplizierte Abwägungen zwischen verdienter Beurteilung, erlaubten Formulierungen, Ansprüchen des späteren Lesers und – nicht zu vergessen – Erwartungen des hier mehr oder minder stark gelobten (das krasse Gegenteil wäre auch dann nicht zulässig, wenn es angebracht wäre) ehemaligen Mitarbeiters.

Frage-Nr.: 430
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-01-30

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