Heiko Mell

Wissen ist wenig, Umsetzung viel

Antwort:

Ich gebe zu: Diese Überschrift ist kein Muster an Klarheit. Aber letztere kommt noch, ich verspreche es. Die Geschichte fängt ganz harmlos an:

Wir haben seit längerer Zeit einen früheren Beitrag von mir über den sinnvollen Aufbau eines Bewerbungsanschreibens auf unserer Homepage öffentlich zugänglich gemacht. Den fand jetzt ein Leser und schrieb:
„Das finde ich den bisher besten und hilfreichsten Tipp zu diesem Thema, den ich je gelesen habe. Da wird es direkt unverständlich, dass Leute noch Dienste wie (folgt der Name eines kommerziellen Unterstützers beim Bewerbungsformulieren) nutzen, wenn man kostenlos solche Informationen bekommen kann.“

Danke für die Anerkennung. Aber ich halte die Schlussfolgerung für falsch, die dieser Leser zieht. Leider kann ich nicht anders – Erfahrung kann auch Bürde sein. Mein erwähnter Beitrag vermittelt – unterstellen wir es einmal – wertvolles Wissen zu jenem Thema. Ich glaube sogar, dass es mir gelingt, die Dinge eingängig, nachvollziehbar und hinreichend begründet darzustellen, so dass nun eigentlich jeder fast alles verstehen und wissen müsste.

Wäre da nicht mein permanenter Albtraum: Ich halte ein Seminar über das einprägsame Thema: „Nein, du darfst deine Schwiegermutter nicht umbringen, auch wenn sie böse ist.“ Ich rede über verbotene Selbstjustiz, die Bestrafungshoheit des Staates, moralische Aspekte, die Gefahr, als Frau eines Tages selbst Schwiegermutter zu werden (als Mann eben der Ehepartner einer solchen). Es ist klar: Du darfst nicht, unter welchen Umständen auch immer. Die Standard-Abschlussfrage von mir: „Ist das alles verstanden worden?“ Allgemeines Kopfnicken: Es ist. „Gibt es noch Fragen?“ Tatsächlich, es gibt. Und da kommt sie schon, harmlos aus der Hüfte geschossen, aber mit verheerender Wirkung, weil alle aufhorchen, die Frage ganz vernünftig finden – und weil der Konsens von eben nun wieder vollständig weg ist: „Das mit der Schwiegermutter habe ich voll verstanden, kein Problem. Aber bei mir ist es der Schwiegervater, der bösartig genannt werden muss. Darf ich denn den nun …?“

Und dann sind wir „zurück auf Anfang“ und ich bin ziemlich erschöpft in meinem Albtraum.Woran das liegt, weiß ich inzwischen: Vielen bis sehr vielen Menschen fällt es schwer, ein vielleicht mühsam erworbenes Wissen aus dem Fall a auf einen Fall c oder y zu übertragen. Sie haben die „Formel“ im Kopf, finden aber den Ansatzpunkt für die Anwendung nicht. Es ist wie mit „Textaufgaben“ im schulischen Mathematikunterricht: Man weiß, worum es ungefähr geht, würde auch konkret gestellte „Rechenaufgaben“ lösen können, liest die textliche Darstellung – und ist doch nicht in der Lage, sein zweifelsfrei vorhandenes Wissen auf den verworren wirkenden eigenen Fall anzuwenden.

In diese Rubrik gehört auch folgende Erfahrung: Ich bin – natürlich – durchaus angetan, wenn jemand meine Arbeit sehr engagiert lobt und beiläufig erzählt, er lese diese Beiträge intensiv seit zwanzig Jahren. Wenn er aber dann seine Mappe zückt und mir stolz seinen Lebenslauf zeigt, dann springen mich die Verstöße gegen „meine“ Regeln oft geradezu an. In anderen Fällen ist der Werdegang vorbildlich, ich erkenne auch sofort die Übernahme diverser Anregungen von mir. Warum erkennt die erste der beiden Gruppen ihre Fehler nicht selbst? Die zweite übrigens setzt konsequenter um, lobt aber weniger überschwänglich.

Also, liebe Anbieter von professioneller Hilfe bei Bewerbungen: Es ist nichts verloren, der Bedarf ist partiell immer noch da. Und wer früher gut mit Textaufgaben „konnte“, kann ja vor dem Abfassen eines Anschreibens noch einmal diesen vielgelobten früheren Beitrag von mir lesen. Es wäre ja echt schade, wenn der im Archiv verrottete (oder was elektronischen Speichermedien sonst so widerfährt, wenn sie altern).

Kurzantwort:

Ich gebe zu: Diese Überschrift ist kein Muster an Klarheit. Aber letztere kommt noch, ich verspreche es. Die Geschichte fängt ganz harmlos an:

Frage-Nr.: 427
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-11-07

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