Heiko Mell

Die „Stellenbezeichnungs-Falle“

Antwort:

Dass mir im Intensivgespräch Menschen gegenübersitzen, deren derzeitige (oder, bei Arbeitslosigkeit, letzte) Tätigkeitsbezeichnung mir so gut wie gar nichts sagt, kommt durchaus vor. Ich tröste mich damit: So viel man auch weiß, es kann und wird nie alles sein.

Aber dann erklären mir diese Gesprächspartner, was sie denn da tun, benutzen dabei viele modern klingende Fachbegriffe – und ich verstehe trotz nun wirklich umfassender Erfahrung im Metier immer noch nicht genau, worum es bei diesem Job geht. Ich weiß, das könnte an mir liegen, dieser Verdacht drängt sich förmlich auf. Nur berichten dann diese Menschen von ihren Bewerbungsbemühungen, die alle ins Leere liefen – die anderen Personalleute, seien sie nun Berater oder HR-Mitarbeiter, haben die Geschichte auch nicht verstanden und sich kopfschüttelnd abgewandt.

Das aber ist geradezu „tödlich“ für den Marktwert eines Bewerbers. Von den zentralen vier Fragen, die eine Bewerbung zwingend beantworten muss, lauten die beiden ersten:
Was ist der Bewerber? Was kann er? Und dafür ist es zwingend erforderlich, dass der Bewerbungsempfänger problemlos versteht, was der Kandidat denn da heute genau macht. Und, vergessen wir das nicht, diese verständliche Darstellung ist eine Bringschuld des Bewerbers. Er will einen neuen Job, seine Qualifikation soll der potenzielle neue Arbeitgeber „kaufen“. Dem nun immer wieder die für ihn irgendwie „exotisch“ klingende Tätigkeits-/Positionsbezeichnung herunterzubeten, reicht nicht. Was der Bewerbungsempfänger nicht kennt, das kauft er nicht. Also muss der Bewerber in einem solchen Falla) wissen, dass seine Positions-/Tätigkeitsbezeichnung exotisch ist undb) dass diese schon im Lebenslauf durch Umschreibung mit gebräuchlichen Begriffen erklärt werden muss. Im ureigenen Interesse.

Wie man an die Information kommt, ob a zutrifft, erläutere ich gleich. Aber um schon einmal ein Gegenbeispiel zu bilden: „Betriebsingenieur“, „Gruppenleiter in der Entwicklung“, „Vertriebsleiter Süddeutschland“ sind selbsterklärend.

Ich kann nun nicht von der Annahme jener schwer zu verstehender Jobs abraten, deren Tätigkeitsinhalte noch dazu von den Betroffenen oft als „spannend“ empfunden werden. Aber ich kann dazu beitragen, dass niemand ungewarnt in diese „Falle“ hineinstolpert:
Wenn man Ihnen in- oder extern einen neuen Job anbietet, der eher unvertraut klingt, dann werfen Sie einen Blick in den Stellenmarkt. Geben Sie z. B. diese Positionsbezeichnung als „Suchbegriff“ in eine der großen Internet-Stellenbörsen ein. Je mehr offene Stellen dieser Art es gibt, desto besser für Sie. Und umgekehrt.

Sie wissen so schon vorher, ob Sie bei der nächsten Bewerbungsaktion („der nächste Winter kommt bestimmt“) Erklärungsprobleme haben werden.Und wer schon einen Job hat und im Sinne von a misstrauisch ist, erfährt durch die erwähnte Suche im Stellenmarkt, ob sein Verdacht berechtigt ist.

Ich glaube, dass eine nennenswerte Zahl von Bewerbungen wegen dieses Effekts „unerklärlich“ erfolglos bleibt. Und ich wiederhole mein Argument, dass „stinknormale Standardjobs“ auch ihre Vorzüge haben. Geschäftsführer, z. B., fallen darunter. Man kommt meist dorthin auf ziemlich konventionellen Wegen – oft völlig ohne „exotische“ Zwischenstationen.

Es gibt übrigens nicht nur unverständliche Positionsbezeichnungen, es gibt auch solche, die man zwar grundsätzlich versteht, die aber viel zu allgemein sind, um irgendeine brauchbare Information zu geben:“Mitarbeiter“, „Angestellter“ oder „Dipl.-Ingenieur“ ist totaler Unfug, auch wenn es so im Arbeitsvertrag steht.

„Projektingenieur“ ist dann hilfreich, wenn dabei geschrieben wird, um welche Art von Projekten es geht.

Das Prinzip ist klar: Es geht nicht um die Wiedergabe der in Ihrem heutigen Unternehmen geltenden (und dort als aussagefähig angesehenen) Bezeichnung, es geht um die werbewirksame Darstellung Ihrer heutigen Tätigkeit gegenüber einem potenziellen Arbeitgeber, der Ihr Unternehmen nicht kennt. Diese Umschreibung Ihrer Qualifikation in einem Begriff ist Ihre Aufgabe, der Empfänger ist nicht verpflichtet, sich diese Erklärung aktiv zu „holen“.

Kurzantwort:

Dass mir im Intensivgespräch Menschen gegenübersitzen, deren derzeitige (oder, bei Arbeitslosigkeit, letzte) Tätigkeitsbezeichnung mir so gut wie gar nichts sagt, kommt durchaus vor. Ich tröste mich damit: So viel man auch weiß, es kann und wird nie alles sein.

Frage-Nr.: 426
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-10-24

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