Heiko Mell

Hilfe, mein Job langweilt mich

Antwort:

Wenn das so wäre mit der Langeweile, dann täte Hilfe durchaus not. Aber die sollten Sie eigentlich niemals brauchen – weil es Tätigkeiten mit dieser Einstufung gar nicht geben darf für Leute mit Anspruch und Ehrgeiz. Das klingt ein bisschen wie die Regel Nr. 7 für Berater im Einsatz: Leugne das Problem, dann entgehst du der Verpflichtung, eine Lösung präsentieren zu müssen. Aber wie immer ist es mir im Ansatz völlig ernst damit.

Springen wir direkt über die eigentlich zunächst fällige Begriffsdefinition hinweg, sie ist nämlich schlicht – langweilig. So sagt Wikipedia u. a., Langeweile werde „als erzwungen und unlustvoll empfunden“ – da liegt ja das Extremurteil „uncool“ schon zum Greifen nahe. Ich sehe übrigens den zentralen Kern der Geschichte im Wort „empfunden“. Damit haben Sie es in der Hand, ob Sie betroffen sind oder nicht: Empfindungen sind allein Ihre höchst subjektive Angelegenheit – und sie sind steuerbar.

Weil es meine Sache ist, ob ich mich langweilen lasse oder nicht. Immerhin sprechen wir hier über Tätigkeiten von Akademikern; so ganz ohne Denkfunktionen wird das, was diese Leute zu tun haben, wohl nicht angelegt sein.

Und wo Raum zum Denken ist, bleiben auch Freiräume zum Gestalten: zum Optimieren, Reorganisieren, Strukturieren – und damit auch zum persönlichen Profilieren. Letzteres ist wiederum unverzichtbar für Karriereinteressierte. Die auch wissen sollten: Man kann aus fast allem etwas machen, man muss es nur konsequent genug wollen. So kann man etwa die Devise aufstellen: „Ich erlaube einem Job nicht, mich zu langweilen“ oder auch: „Ob ich gelangweilt bin, entscheide immer noch ich.“

Versuchen Sie einmal, das nachfolgende simple Beispiel in Ihre berufliche Welt zu übertragen:
Ein Schüler muss zur Strafe bis zum nächsten Tag hundertmal schreiben: Ich soll im Unterricht nicht schwatzen. Er fängt widerwillig damit an und erkennt, dass er vor einem Tun steht, das höchst langweilig zu werden droht – wenn ihm nichts einfällt. Aber ihm fällt:
Erst einmal ermittelt er, wie lange er für hundert aneinandergereihte Sätze dieser Art brauchen würde. Dann experimentiert er: Jeder Satz kommt so in eine eigene Zeile, dass alle identischen Wörter untereinander stehen. Er probiert an je fünf Sätzen aus, ob es schneller geht, wenn er immer gleich den ganzen Zeilentext schreibt, oder ob es Zeit spart, erst alle „Ich“ und später dann alle anderen Wörter einzeln untereinander zu schreiben. Die schnellere Version wird sein Standard. Nun gestaltet er jede zehnte Zeile in Druckschrift und nimmt sie quasi als Überschrift für die jeweils folgenden neun. Damit hat er nicht mehr hundert stupide Sätze vor sich, sondern „nur“ noch zehn überschaubare Blöcke à 9 Sätze (die Überschriften zählen mit). Als er fertig ist, trägt er die Resultate in eine kleine Tabelle ein.

Am nächsten Morgen geht er zu seinem Lehrer: „Ich weiß, ich hätte Ihren Unterricht nicht stören sollen. Nun, ich habe meine Strafe bekommen. Am Anfang habe ich mich darüber geärgert. Aber dann habe ich die Aufgabe als zu lösendes Problem betrachtet. Inzwischen bin ich Ihnen fast dankbar für diese eigentlich sehr stupide Strafarbeit. Schauen Sie einmal, was ich herausgefunden habe: …“Die „Lehrer“, die ich kenne, wären zumindest beeindruckt. Das allein wäre doch schon einmal etwas.

PS: Das Beispiel handelt nicht von mir, ich habe es in gelebter Kreativität für diesen Beitrag erfunden. In der Schule habe ich auch geschwatzt, aber mehr mit den Lehrern. Oft bekam ich als Reaktion auf meinen „Melde-Zeigefinger“ die irgendwie resigniert klingende Aussage: „Bitte nicht du schon wieder.“ Was man übrigens auch nutzen kann, um Einsatz zu demonstrieren, wenn man eigentlich nichts weiß. Man kommt ja doch nicht „dran“.

Kurzantwort:

Wenn das so wäre mit der Langeweile, dann täte Hilfe durchaus not. Aber die sollten Sie eigentlich niemals brauchen – weil es Tätigkeiten mit dieser Einstufung gar nicht geben darf für Leute mit Anspruch und Ehrgeiz. Das klingt ein bisschen wie die Regel Nr. 7 für Berater im Einsatz: Leugne das Problem, dann entgehst du der Verpflichtung, eine Lösung präsentieren zu müssen. Aber wie immer ist es mir im Ansatz völlig ernst damit. …

Frage-Nr.: 425
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 57
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-10-17

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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