Heiko Mell

Nehmen wir an, Sie würden gemobbt

Antwort:

Es ist kein Geheimnis, dass ich das Thema „Mobbing“ nicht besonders mag. Es ist einfach zu leicht, persönliche Misserfolge hinter einem Phänomen zu verstecken, gegen das man selbstverständlich völlig machtlos ist, weil: „Ich wurde ja gemobbt.“ Da kann man schließlich nichts machen, das muss ja jeder verstehen.

Ich habe sehr viel gesehen in meinem Leben – und bin sehr skeptisch, wenn mir diese so beliebte Erklärung angeboten wird. Sollten Sie sich also gemobbt fühlen, prüfen Sie, ob nicht noch eine andere Ausrede infrage kommt (auch deshalb, weil wir hier eine Karriereberatung sind – und Mobbing-Vorwürfe naturgemäß eher von Verlierern erhoben werden).

Jetzt hat das Thema aber einen neuen Schub bekommen: Das Landesarbeitsgericht Düsseldorf hat über eine Klage wegen Mobbings nicht nur ablehnend entschieden, es hat auch gesagt, „es sei zu beachten, dass Verhaltensweisen von Vorgesetzten nur Reaktionen auf Provokationen des vermeintlich gemobbten Arbeitnehmers darstellen könnten“ (FAZ Nr. 73, S. 7). Das kommt meinen Erfahrungen schon sehr nahe. Läuft es doch auf die Frage hinaus: „Wer hat angefangen?“ Leider findet sich darauf niemals eine Antwort, der die Gegenseite nicht engagiert und vehement widersprechen würde.

Aber es gibt eine andere Frage, die sich stellen sollte, wer seinem Vorgesetzten Mobbing unterstellt. Sie ist wesentlich einfacher, vom Betroffenen selbst zu beantworten und nicht dem leidenschaftlichen Abstreiten durch die Gegenseite ausgesetzt. Nehmen wir also einmal an, Sie würden gemobbt. Dann lautete die letztlich problemlösende Kernfrage: „Warum?“ Darauf muss(!) es in jedem Fall eine Antwort geben, und es gibt sie auch.

Was also haben Sie getan oder an sich, was den Wunsch Ihres Chefs auslöst, Sie unter allen Umständen loszuwerden? Kein Chef der Welt, er wäre denn ausgewiesener Psychopath, steht morgens auf, reibt sich die Hände und sagt: „Heute ist wieder ein Tag, an dem ich Müller ärgern werde. Darauf freue ich mich jetzt schon.“ Nein, er muss einen „richtigen“ Grund haben, der ihn treibt – und den müssen Sie kennen. Dabei können Sie unbedingt unterstellen: Er als der stärkere von Ihnen beiden ist fest davon überzeugt, dass Sie „angefangen“ haben und er nur reagiert. Es gibt praktisch immer eine ihm logisch erscheinende Ursache des Drucks auf oder gegen Sie. Wenn Sie die kennen – und, ich wiederhole mich bewusst, es gibt sie – kann Ihre Arbeit an einer Lösungsstrategie beginnen.

Was nicht heißt, dass Sie bedingungslos und unter allen Umständen nachgeben müssen. Aber zunächst sind Sie aufgerufen, den Grund herauszufinden, der Ihren Vorgesetzten treibt. Ob es ein guter ist, bleibt zunächst dahingestellt.Ich empfehle sehr, die Angelegenheit einmal mit den Augen Ihres Chefs zu betrachten. Vielleicht erschließen sich Ihnen die Zusammenhänge dann.

Wobei dieses gefühlte Gemobbtwerden natürlich auch von den Kollegen ausgehen kann. Hier gelten die entsprechenden Empfehlungen. Warum tun die das? Auch sie haben aus ihrer – vielleicht sogar verschrobenen – Sicht ihren Grund. Und fühlen sich „im Recht“ (nicht juristisch, aber immerhin moralisch).

Von immer denkbaren Ausnahmen abgesehen, gilt: Wer sich gemobbt fühlt, tut oder hat etwas, das andere als Provokation empfinden. Vielleicht ist dem Gemobbten seine Besonderheit ja wichtig. Aber rechtfertigt das den hohen Preis, den man als Verfolgter oder Gemiedener zahlt? Ich behaupte noch nicht einmal ansatzweise, die Mobber wären etwa stets entschuldigt. Ich sage nur: Sie tun es nicht ohne Anlass oder Auslöser. Den müssen Sie herausfinden – und dann müssen Sie irgendetwas tun. Eine Beschwerde irgendwo bringt nichts. Nein, es gibt nur eine Lösung: Sie müssen etwas verändern. Etwas bei sich oder im Verhalten der Mobber, vielleicht bedingt das eine das andere.

Und ich habe auch nicht gesagt, der Gemobbte sei schuld. Ich sage nur: Er vor allem hat den Schlüssel für eine Besserung in der Hand. Entsprechende Verhaltensweisen von Vorgesetzten könnten auch nur Reaktionen auf Provokationen des vermeintlich gemobbten Arbeitnehmers darstellen, sagte das Landesarbeitsgericht. „Könnten“, aber immerhin.

Kurzantwort:

Es ist kein Geheimnis, dass ich das Thema „Mobbing“ nicht besonders mag. Es ist einfach zu leicht, persönliche Misserfolge hinter einem Phänomen zu verstecken, gegen das man selbstverständlich völlig machtlos ist, weil: „Ich wurde ja gemobbt.“ Da kann man schließlich nichts machen, das muss ja jeder verstehen.

Frage-Nr.: 419
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-07-05

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