Heiko Mell

Technik pur ist pure Illusion

Antwort:

Noch immer neigen viele Ingenieure dazu, ihre künftigen betrieblichen Aufgaben in der „reinen, unverfälschten“ Technik zu suchen. Ihr darauf ausgerichtetes Studium bestärkt sie darin. Das ist nicht praxisgerecht – und je eher die Studenten das wissen und vor allem akzeptieren, desto besser. Weil beruflich gefährlich lebt, wer Illusionen nachhängt.

Nach ein paar Jahren in der Praxis weiß man es: Es gibt, von denkbaren seltenen Einzelfällen abgesehen, keine betrieblichen Positionen (mehr), in denen man sich nur mit der reinen Technik beschäftigen kann.

Die Kosten eines Produkts oder einer Lösung spielen praktisch immer eine Rolle, oft sind komplexe Investitionsrechnungen und -anträge zu erstellen; eine Idee muss nicht nur technisch gut, sie muss bezahlbar sein, ins Budget passen o. Ä. m. Und wenn es ganz hart kommt – in manchen Branchen ist das Standard -, liegen überhaupt vorher die Kosten fest und auf diesen Rahmen ist die Entwicklung auszurichten.

Und dann der Markt, die teilweise höchst emotional handelnden Kunden: Ein Produkt muss nicht nur die brillante Problemlösung darstellen und innerhalb eines bestimmten Kostenrahmens zu fertigen sein, es muss auch noch den Geschmack mitunter „merkwürdig“ denkender potenzieller Abnehmer treffen. Selbst wenn das erreicht ist, redet noch der Wettbewerb ein gewichtiges Wort mit: Mag die eigene Problemlösung rundum gut gewesen sein, die der Konkurrenz kann einfach besser den Anforderungen entsprechen, schon sind die eigenen Bemühungen zum Misserfolg herabgestuft.

Diese Verzahnung von Technik (die ihre große Bedeutung immer behalten wird), Betriebswirtschaft und Marketing ist längst Fakt, wird weiter zunehmen – und erfordert einen Ingenieur, der für die beiden anderen Disziplinen offen ist und ihren Belangen aufgeschlossen begegnet. Und, dies am Rande gesagt, dem systematisch erworbene Basiskenntnisse in diesen Bereichen keinesfalls schaden können.

Wenn Ihr Berufseinstieg bevorsteht, seien Sie entsprechend vorbereitet, zumindest gedanklich, und erstellen Sie kein Idealprofil Ihrer künftigen Stelle, das jeden Blick über den Tellerrand ausschließt. Es wird solche Aufgaben praktisch nicht mehr geben.Selbst wenn Sie auf der untersten Ebene noch einen Job finden sollten, in dem Sie nur sehr wenig mit nichttechnischen Überlegungen zu tun haben sollten: Mit einer auch nur geringfügig steigenden Verantwortung geht Ihr Betätigungsfeld entsprechend in die Breite. Kaum leiten Sie Ihr erstes kleineres Projekt oder Team, verantworten Sie die Technik einer Bau- oder Produktgruppe, holt Sie das starke Hineinspielen von Betriebswirtschaft und Marketing ein.

Und so ist ein guter Ingenieur jemand, der „seine“ Technik souverän beherrscht, der in betriebswirtschaftlichen Kategorien denkt und handelt und der Marketing-Aspekten einen hohen Stellenwert einräumt.

Kurzantwort:

Noch immer neigen viele Ingenieure dazu, ihre künftigen betrieblichen Aufgaben in der „reinen, unverfälschten“ Technik zu suchen. Ihr darauf ausgerichtetes Studium bestärkt sie darin. Das ist nicht praxisgerecht – und je eher die Studenten das wissen und vor allem akzeptieren, desto besser. Weil beruflich gefährlich lebt, wer Illusionen nachhängt.

Frage-Nr.: 417
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-04-17

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