Heiko Mell 02.01.2016, 07:58 Uhr

„Sie verstoßen gegen Sprachregeln“

Antwort:

Kürzlich musste ich das Weltbild eines sehr jungen Einsenders – er war noch Schüler – in seinen Grundfesten erschüttern. Und sicher habe ich auch seinem Deutschlehrer die Arbeit nicht erleichtert. Aber ich hatte keine Wahl.

Der junge Mann schrieb mir, ich würde mich doch so engagieren, um Einsender auf sprachliche Fehler aufmerksam zu machen, um bessere oder richtige Lösungen vorzuschlagen und weiteres in dieser Art. Das missfiel ihm auch nicht, aber. Aber nun hätte ich selbst einen Fehler gemacht. Denn der Gebrauch des Wortes X in der Form Y habe sich zwar im Sprachgebrauch, auch z. B. in Zeitungen, eingeschlichen. Damit werde jedoch gegen eine klare Regel verstoßen, die da laute …Und dann dachte er, nun hätte er mich. Mit Sicherheit wäre er nicht im Traum darauf gekommen, was mir als Entgegnung einfiel: Das könne alles sein, schrieb ich ihm, die Regel sei auch sicher korrekt zitiert, das nütze mir aber leider überhaupt nichts – denn ich würde überhaupt keine dieser Regeln kennen. Und damit, dessen sei ich mir sicher, befände ich mich in allerbester Gesellschaft.

Tatsächlich gilt: Die kleinen und die ranghohen Vorgesetzten, mit denen ich ständig umgehe, schreiben grundsätzlich ein ganz gutes Deutsch (besser als die Mehrzahl der Einsender und Bewerber), vor allem bekommen sie nur allzu schnell „Bauchschmerzen“, wenn sie in Briefen und Anträgen, Vertragsentwürfen etc. die falschen „Ergüsse“ lesen.

Aber die jeweiligen sprachlichen Regeln, die sie vielleicht einmal gelernt hatten, die kennen diese Entscheidungsträger ebenso wenig wie ich. Wir alle arbeiten mit reinem Sprachgefühl. Aus den vielen Zeitungen, Büchern, Schriftstücken, die wir im Laufe unseres Lebens gelesen haben und täglich neu lesen, wissen wir, was wann wie gesagt und geschrieben werden muss. Aber kaum noch, warum. Das mag unsere alten Deutschlehrer enttäuschen, aber ihre Arbeit war nicht vergebens, sie haben immerhin den Grundstein gelegt.

Letztlich entspricht das vielen anderen Lebensbereichen: Im Straßenverkehr muss ich „auf der rechten Straßenseite rechts“ fahren – zu wissen warum wird nicht verlangt.

Frage-Nr.: 413
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-02-01

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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