Heiko Mell

Glücklich ist glücklich genug

Antwort:

Also korrekt heißt es: „Wenn man glücklich ist, soll man nicht noch glücklicher sein wollen.“ Gesagt hat es Theodor Fontane (in „Unwiederbringlich“, 1891). Nun gilt bei Zitaten dieser Art grundsätzlich: Der Mann muss ja nicht recht gehabt haben. Ich glaube aber, er hatte und hat noch immer.

Lassen Sie seine Aussage einmal auf der Zunge zergehen – es steckt unendlich viel an Weisheit darin.Meine Analyse beginnt mit der Warnung, dass „glücklich“ kein Begriff ist, den man in der Technik kennt. Mein Automotor mag sein, was er will, „glücklich“ kommt bei keiner halbwegs akzeptablen Zustandsbeschreibung vor. Aber alles, was die Maschine wirklich ist, ließe sich steigern – und den Zuwachs könnte man messen. Der Motor ist drehfreudig – drehfreudiger wäre möglich. Und verbrauchsfreundlicher, effizienter, leichter und einfacher zu fertigen wären es auch.

Glück jedoch ist nicht mess-, ja schon schwer definierbar. Glücklich zu sein ist eine Empfindung, die nur ein denkendes Wesen haben kann. Es hängt von den Maßstäben des Einzelnen ab, ob er sich als glücklich einstuft oder nicht. Das ist bereits ein Teil des Problems: Was einen von uns schon glücklich macht, ist dem anderen noch viel zu wenig.

Glücklich zu sein, ist durchaus noch nicht das absolute Maximum – noch glücklicher zu werden, ist durchaus denkbar und möglich. Das hat auch Fontane nicht bestritten. Er sagt nur, man soll es nicht versuchen. Und hat ganz sicher gute Gründe dafür.

Nehmen wir gezielt unser zentrales Thema und damit den Aspekt „glücklich im Beruf“: Dieser Zustand, dieses Gefühl hängt von sehr vielen aktiv gestalteten oder zufällig vorhandenen Gegebenheiten ab. Als da z. B. sind die Firma, die Branche, der Chef, die Kollegen, die Ertragslage, die Details der Tätigkeit, die Zwänge, denen Sie ausgesetzt sind und die Entscheidungsfreiheit, die Sie haben, ganz abgesehen vom Geld, das man Ihnen zahlt. Da müssen entsetzlich viele, teils nicht, teils eng miteinander verzahnte Faktoren eine bestimmte Größe haben, damit Sie sagen: „Hier bin ich glücklich.“

Stets ahnen Sie: noch glücklicher wäre durchaus denkbar. Beispielsweise, indem Sie noch mehr Geld verdienten oder noch ein bisschen mehr entscheiden dürften. Also versuchen Sie, genau diese Komponente zu verändern, sie in Ihrem Sinne zu verbessern. Das ist ebenfalls möglich, geht aber nicht isoliert: Sie müssen in eine andere Abteilung, eine andere Hierarchieebene oder eine andere Firma wechseln, müssen diverse Komponenten, deren Zusammenspiel Sie heute glücklich macht, ungewollt verändern oder austauschen.

Und dann haben Sie „mehr Geld“ oder dürfen „mehr entscheiden“, aber die neue Firma steht zum Verkauf, der neue Chef entpuppt sich als Ekel oder die neuen Kollegen sind fürchterlich. Und dann haben Sie jene eine Komponente optimiert und sich dafür bei drei wesentlichen anderen entscheidend verschlechtert, aus ist es mit glücklich.

Und deshalb sollen Sie kämpfen, wenn Sie weniger glücklich sind. Aber keine Optimierungsversuche starten, um ein seltenes Top-Ergebnis Ihrer beruflichen Bemühungen noch weiter zu steigern. Auch nicht, wenn man das in der Technik jeden Tag unverdrossen aufs Neue versucht. Das ist eine andere „Spielwiese“.

Kurzantwort:

Also korrekt heißt es: „Wenn man glücklich ist, soll man nicht noch glücklicher sein wollen.“ Gesagt hat es Theodor Fontane (in „Unwiederbringlich“, 1891). Nun gilt bei Zitaten dieser Art grundsätzlich: Der Mann muss ja nicht recht gehabt haben. Ich glaube aber, er hatte und hat noch immer.

Frage-Nr.: 404
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-08-01

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