Heiko Mell

Sternchensekunden

Antwort:

Stefan Zweig spricht von „Sternstunden“ der Menschheit, wenn er einzelne schicksalsträchtige kurze Zeitabschnitte beschreibt, die für sehr viele Erdbewohner von großer Bedeutung gewesen sind. Wir zahlen hier mit kleinerer Münze; von einer Bedeutung für die „Menschheit“ ist keine Rede, es geht um uns, um die einzelne Person. Daher habe ich ein „Sternchen“ mit der „Sekunde“ kombiniert. Angesprochen sind aber auch hier schicksalhafte Einzelereignisse, die unser (Berufs-)Leben ganz entscheidend beeinflusst haben.

Ich säße beispielsweise heute nicht an diesem Schreibtisch, hätte nicht diese berufliche Ausrichtung und schriebe nicht diesen Beitrag, hätte sich in einem winzigen Augenblick nicht folgendes ereignet:
Mit etwa 22 Jahren hatte ich 1,5 Jahre Berufspraxis im Konzern hinter mir, war Mitarbeiter der Organisationsabteilung, war jugendlich unbekümmert und sicher für meine Umwelt mitunter gewöhnungsbedürftig (wie gelegentlich heute auch). Ich hatte einige kleinere Projekte auch für das Personalwesen abgewickelt und dabei den Konzern-Personaldirektor kennengelernt.

Der ging täglich zum Mittagessen in die Kantine und zog dabei auf den Fluren und Gängen dorthin und wieder zurück einen Tross von unterstellten Abteilungs- und Gruppenleitern sowie Assistenten hinter sich her. Etwa wie Professor Brinkmann in der Schwarzwaldklinik, nur ohne Kittel.

Eines Tages begegneten wir uns in einem breiten Flur: Er, mit einem Tross vom Essen kommend, der mehr als die Hälfte des Raumes füllte, ich allein auf der anderen Seite zur Kantine strebend. Er diskutierte mit mehreren seiner Leute in der ihm eigenen engagierten Art. Dann schaute er kurz herüber, ich grüßte ihn – und dann kam es: Mit Handzeichen stoppte er seinen Tross (Sie kennen das von Captains der US-Kavallerie beim Ritt gegen die Indianer), alle Gespräche dort verstummten, er kam herüber auf meine Seite, begrüßte mich mit Handschlag und Namen(!), fragte nach meinem Befinden, meinte, wir hätten ja immer gut zusammengearbeitet, ging wieder an die Spitze seines Trosses und entschwand.

Das hat mir ungeheuer imponiert, sehr geschmeichelt, und mich spontan für ihn eingenommen. Ich habe ihn nicht direkt zu meinem Ideal befördert, aber doch in eine Art Vorstufe dazu. Als mir Monate später einer seiner Abteilungsleiter anbot, Referent für Grundsatzfragen des Personalwesens zu werden, griff ich begeistert zu. Ich wurde später Assistent jenes Direktors, folgte ihm in die Selbstständigkeit und bin heute dort sein Nachfolger. Natürlich gab es neben Höhen auch Tiefen – aber ohne jene „Sternchensekunde“ säße ich jetzt nicht hier.

Es geht nicht darum, ob dieser Weg der beste war, der mir möglich gewesen wäre (was bei den Alternativen hätte herauskommen können, weiß man nicht). Aber jene Sekunde war für mich schicksalhaft. Wenn ich die Geschichte erzähle, werden viele Menschen nachdenklich. Und dann kommt es: „Bei mir war das so: Eines Tages …“Wenn Sie also noch jung sind, seien Sie wachsam. Irgendwo gibt es auch bei Ihnen jene Sekunde, an der so vieles hängt. Aber: Hatte ich überhaupt eine Wahl? Hatte ich! Ich war noch Tarifangestellter, wie üblich schlecht bezahlt, und hätte auch voller Überzeugung murmeln können: „Hält der Kerl mich vom Essen ab. Schließlich gibt es heute Bockwurst und Kartoffelsalat.“

Kurzantwort:

Stefan Zweig spricht von „Sternstunden“ der Menschheit, wenn er einzelne schicksalsträchtige kurze Zeitabschnitte beschreibt, die für sehr viele Erdbewohner von großer Bedeutung gewesen sind. Wir zahlen hier mit kleinerer Münze; von einer Bedeutung für die „Menschheit“ ist keine Rede, es geht um uns, um die einzelne Person. Daher habe ich ein „Sternchen“ mit der „Sekunde“ kombiniert. Angesprochen sind aber auch hier schicksalhafte Einzelereignisse, die unser (Berufs-)Leben ganz entscheidend beeinflusst haben.

Frage-Nr.: 398
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-04-19

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