Heiko Mell

Verändere etwas oder stirb

Antwort:

Ich gebe ja zu, die Überschrift klingt etwas martialisch. Aber sie ist auch ausnahmsweise nicht als Ratschlag für Mitarbeiter oder Bewerber gemeint. Ich glaube hingegen, damit die Formel gefunden zu haben, nach der sehr viele vor allem große Unternehmen regiert werden. Beachten Sie bitte, dass nur die Veränderung als solche aufs Podest gehoben wird, von „sinnvoll“ ist nicht die Rede und „verbessere“ heißt es schon gar nicht.

Auf das Thema gekommen bin ich beim sorgfältigen Analysieren von Arbeitszeugnissen, über die ich seit vielen Jahren unterschiedliche Gutachten erstelle. Dazu muss ich sie Wort für Wort analysieren, muss nach Fehlern und Optimierungsmöglichkeiten suchen. Beim zwangsläufig sehr viel flüchtigeren oder oberflächlicheren Lesen dieser Dokumente anlässlich der Analyse von Bewerbungen wäre mir die hier im Mittelpunkt stehende Erkenntnis vermutlich gar nicht gekommen. So aber drängt sie sich irgendwann auf:In einem typischen größeren Unternehmen wird die Arbeitswelt um die Position eines Mitarbeiters herum so etwa alle 1,8 Jahre einschneidend verändert. Der Möglichkeiten dazu sind viele: Geschäftsbereiche werden geschaffen oder aufgelöst, Abteilungen anderen Bereichen zugeordnet, interne Zuständigkeiten verändert, die jeweiligen Mitarbeiter werden degradiert oder in der Bedeutung angehoben, von Mutter- zu Tochtergesellschaften umgesetzt oder natürlich umgekehrt. Wohlgemerkt: Von „richtigen“ Beförderungen oder Versetzungen ist dabei gar keine Rede, es geht um Veränderungen rund um eine im Kern gleichbleibende Position und/oder Aufgabenstellung.

Was da im Lande alles umstrukturiert – und in anständigen Arbeitszeugnissen schön und korrekt dokumentiert – wird, geht auf keine Kuhhaut mehr. Es muss doch gesehen werden, dass in neuen Strukturen erst einmal Desorientierung herrscht, dass um Zuständigkeiten gerungen wird und dass die zentrale Frage „Was bedeutet das für mich persönlich, insbesondere für meine Perspektive?“ jede tiefschürfende Beschäftigung mit Sachfragen überstrahlt. Und wenn sich die Teams dann neu geordnet und mit der neuen Struktur mühsam ihren Frieden gemacht haben, kommt die nächste Änderung. Es gibt durchaus Arbeitszeugnisse, in denen sich die organisatorischen Änderungen mit der Anzahl der Dienstjahre bei diesem Arbeitgeber ein offenes Rennen liefern. Dabei dürfte der Nutzen jeder einzelnen Änderung weit hinter den damit letztlich verbundenen Nachteilen zurückbleiben.

Gelegentliche Diskussionen mit hochrangigen Entscheidungsträgern übrigens zeigen, dass diese den Vorbehalten durchaus zustimmen. Warum sie es dann dennoch tun? Weil ein „Es muss etwas geschehen“ oberste Handlungsmaxime in jeder größeren Organisation ist. Wichtig ist, dass etwas geschieht, die Anforderungen daran, was das jeweils ist, sind eher bescheiden. Wer verändert, handelt. Er tut irgendetwas, reagiert auf Umfeldveränderungen. Und er hat – wie beim Roulette – die Chance, vielleicht ja doch den großen organisatorischen Wurf zu landen. Für mehrere Monate hat er Ruhe vor seinen „Chefs“ (Aufsichtsrat, Gesellschafter, Wirtschaftspresse etc.), denn das Neue muss sich ja erst einmal festigen und kann erst dann seine – vermuteten – Vorteile ausspielen. Und in 1,8 Jahren gibt es eine neue Chance. Wenn uns gar nichts anderes einfällt, machen wir auch gern das Gegenteil dessen, was wir zuletzt gemacht haben.

Ich neige ja sonst eher weniger zu Visionen. Aber hier habe ich eine: Eines Tages verkündet die Firmenleitung euphorisch die neueste Strukturreform im Unternehmen. Dann wird eine ältere Führungskraft aufstehen und anmerken: „Dies wäre die achtzehnte Veränderung, seit ich hier arbeite. Können wir uns die jetzt nicht schenken, etwas warten und gleich die ohnehin bald kommende neunzehnte Neuregelung einführen? Das würde uns vieles ersparen.“ Hoffentlich sagt dieser Manager das nicht wirklich. Denn Zweifel am Sinn geplanter Neuordnungen gelten als Hochverrat.Mein Ziel mit diesem Beitrag: Ich will betroffenen Mitarbeitern zeigen, dass ganz „normal“ ist, was ihnen widerfährt. Und dass niemand angetreten ist, gerade sie zu verärgern oder nachhaltig zu verunsichern. Was da geschieht, ist nur Teil des ganz normalen Alltagswahnsinns.

Kurzantwort:

Ich gebe ja zu, die Überschrift klingt etwas martialisch. Aber sie ist auch ausnahmsweise nicht als Ratschlag für Mitarbeiter oder Bewerber gemeint. Ich glaube hingegen, damit die Formel gefunden zu haben, nach der sehr viele vor allem große Unternehmen regiert werden. Beachten Sie bitte, dass nur die Veränderung als solche aufs Podest gehoben wird, von „sinnvoll“ ist nicht die Rede und „verbessere“ heißt es schon gar nicht.

Frage-Nr.: 396
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 13
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-03-29

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