Heiko Mell

Über die freie Entfaltung der Persönlichkeit

Antwort:

Ich weiß, ich wiederhole mich, aber es geht nicht anders: Der Angestellte ist abhängig beschäftigt. Wer je an irgendwelchen Details Anstoß nimmt, sich über Einzelheiten des beruflichen Systems aufregt, lasse diesen Kernsatz auf der Zunge zergehen (er ist nicht von mir, er durchzieht alle offiziellen Definitionen, Lehrbücher etc.). Wer also Angestellter werden will oder schon geworden ist, muss diesen Begriff der Abhängigkeit als unabdingbar akzeptieren. Alles andere ist Augenwischerei.

Nun gibt es aber auch Menschen, für die ist die freie Entfaltung der (also ihrer) Persönlichkeit sehr wichtig. Das kann man durchaus verstehen – aber jeder wird einsehen, dass Abhängigkeit auf der einen und der Wunsch nach freier Entfaltung (von was auch immer) auf der anderen Seite leider zu Konflikten führen. Konkret: Während meiner täglichen Dienstzeit als abhängig Beschäftigter kann es logischerweise mit meiner freien Entfaltung nicht so weit her sein, vorsichtig gesagt.

Noch konkreter: „Ich will meine Existenz als Angestellter sichern und strebe dabei eine maximale freie Entfaltung der Persönlichkeit an“ – das kann einfach nicht funktionieren. Der Versuch ist zum Scheitern verurteilt, Beispiele sind auf dem Arbeitsmarkt in hinreichender Zahl zu finden.Soweit das Stammlesern hinreichend Bekannte. Aber diese Einführung musste sein, sonst wird man dem Thema nicht gerecht.

Nun das Neue: So schlimm ist das in weiten Bereichen des Berufslebens alles gar nicht (lassen wir hier die tragischen und/oder dramatischen Ausnahmefälle, die wir alle kennen, einmal weg). Zwischen 25 (Examen) und 50 (Beginn einer deutlichen Reduzierung des „Marktwertes“ auf dem Arbeitsmarkt) liegen 25 wertvolle Jahre, in denen mit etwas gutem Willen und viel Geschick eine zufriedenstellende Balance zwischen Abhängigkeit und freier Entfaltung möglich ist.

Ich war 28 Berufsjahre lang Angestellter, habe also hinreichend eigene und weiterhin sehr viele gespeicherte Fremd-Erfahrungen aus Lebensläufen, Vorstellungsgesprächen, Karriereberatungen etc. Es ist demnach ein bisschen wie mit den Leitplanken rechts und links der Autobahnen: Wenn ich einmal aufgefahren bin auf den nächsten Straßenabschnitt (nach meinem freien Entschluss, ich hätte es auch lassen können), dann habe ich nur noch die Wahl zwischen zwei oder drei Fahrspuren – falls der Verkehr sie mir denn lässt. Aber rechts und links setzen die Leitplanken enge Grenzen, plötzliches Ausweichen ins Gelände geht nicht. Erst an der nächsten Abfahrt kann ich wieder frei entscheiden. Ist das zumutbar, regt sich darüber noch jemand auf, wird deshalb vom Autobahnfahren abgeraten? Ja, nein, nein.

Schön, an manchen Tagen spürt man die Abhängigkeit des Angestellten schon. Solche Tage gibt es immer und überall, sogar in privaten Beziehungen. Aber dann sind doch auch wieder Freiräume da, die man nutzen kann. Und wenn auch das Arbeitsleben nicht vorrangig zum Spaßhaben geschaffen wurde, so sind doch hinreichend Chancen vorhanden, von Fall zu Fall auch Freude an der Sache zu haben, sich zu entfalten und die „Leitplanken“ nicht als wirkliche Beeinträchtigung zu empfinden.

Diese Grundvoraussetzungen sehe bzw. diese Empfehlungen habe ich dafür:

1. Sie müssen fachlich sehr gut in Ihrem Job sein – das ist eine Mindestvoraussetzung. Was Sie da tun, darf Sie fachlich nur zu etwa 80% fordern, bei Spitzenbelastungen auch einmal zu 95%. Aber was auch kommt, Sie bleiben gelassen, haben noch Reserven. Damit sind Sie „oben“ sehr geschätzt, gelten allgemein als schwer entbehrlich.

Sie müssen also souverän sein, was die an Sie gestellten Aufgaben angeht. Das bedeutet, einer Lage oder Aufgabe jederzeit gewachsen, ja überlegen zu sein (Fremdwörterduden-Definition). Übrigens kann jeder irgendwo „so“ sein – und wenn es beim „Kistenstapeln“ ist. Wenn Sie heute dieses Gefühl nicht haben, sind Sie nicht im optimalen Job.

Je besser Sie an Ihrem Platz sind, desto weniger abhängig fühlen Sie sich. Kümmern Sie sich nicht darum, ob diese Forderung rein statistisch für alle durchsetzbar und ihre Erfüllung allen möglich ist – es geht um Sie, erarbeiten Sie sich hier Ihre persönliche Basis.

2. Dann gehören dazu gesundes Selbstbewusstsein (diesseits der Arroganzgrenze), eine gesunde Risikobereitschaft und keine „Angst vor der eigenen Courage“.

Ich bekomme beispielsweise Anfragen von Bewerbern, denen man ein Arbeitsvertragsangebot zugesandt hat. Sie fragen dann etwa: „Da steht, das Gehalt werde jährlich überprüft. Heißt das, es könne dann auch nach unten verändert werden?“ Das sind Fragen von Verlierern …

3. Ein kleinliches, engstirniges Verharren im Detail ist mit der geforderten Souveränität nicht zu vereinbaren.Da sind Sie bei einer Dienstreise auf einem Straßenbahnfahrschein sitzengeblieben, da hat man Ihnen zwei Überstunden nicht bezahlt. Na und? Man überlebt das – und eigentlich haben Sie doch anspruchsvolle berufliche Ziele, was bedeuten dann solche Erbsen, die Sie da zählen? Das gilt auch im fachlich/sachlichen Bereich der täglichen Arbeit. Auch mimosenhafte Empfindlichkeit und ständige persönliche Betroffenheit schaden nur.

Vorschriften sind durchaus wichtig, wenn komplexe Organisationen zu lenken sind, sagt man. Sie müssen sie auch kennen, aber oft finden sich Lösungen nur, wenn Sie das Beste daraus machen. Wer immer dann, wenn 70 km/h als Höchstgeschwindigkeit vorgegeben sind, sicherheitshalber nur 65 km/h fährt, zieht eine Schlange hinter sich her. Und bei Autoschlangen fährt der Langsamste vorn – das ist kein Ehrentitel. Symbolisch sollten Sie eher 80 fahren, wenn 70 draufsteht auf den Schildern (nein, nein, nicht wirklich auf der Straße, nur bildlich).

4. Sie müssen verstehen, was um Sie herum vor sich geht. Warum reagiert dieser (z. B. mein) Chef in jener Situation so, worüber ärgern und worüber freuen solche Leute sich? Warum erlässt die Geschäftsführung jetzt solche Generalanweisung und warum mögen die Kollegen es nicht, wenn …? Ein System, das Sie nicht verstehen, können Sie auch nicht beherrschen.

Sie müssen die Regeln kennen, nach denen dieses Spiel läuft. Das ist sogar beim Fußball so – wenn Sie nicht wissen, warum jetzt dies oder jenes geschieht, haben Sie schon als Zuschauer kaum Freude daran, als „Spieler“ schon gar nicht.Für alles, was im beruflichen Bereich geschieht, gibt es einen Grund – den müssen Sie nach Möglichkeit kennen. Ein kleines Beispiel: Ihr Chef ist ein vernünftiger Mann. Wenn Sie eine gute Begründung vorlegen, warum Sie einen Termin überschritten haben, reagiert er in der Regel verständnisvoll, hört er sich zumindest Ihre Argumente an. Ist aber sein Chef auch anwesend, ist er nicht wiederzuerkennen und kanzelt Sie vielleicht bei der kleinsten Panne ab. Warum? Weil es ein Unterschied ist, ob er Ihnen gegenüber „fair“ ist oder ob er vor seinem Chef als jemand dasteht, der „zu weich“ in der Mitarbeiterführung sein könnte, der sich bei seinen Leuten nicht durchsetzt – und weil er sich vielleicht genau diesen Vorwurf vor drei Tagen erst hat anhören müssen.

Auf die Frage „Warum ist/läuft das im Hause in solchen Fällen so?“ darf es auf Dauer für Sie nur Antworten geben, kein Schulterzucken. Auch Golf oder Pokern oder gar Bridge kann man nicht spielen, ohne die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln zu kennen. Und gerade die hochkarätigen Profis (so wie auch Ihre höheren Vorgesetzten) in jeder Disziplin tun in ihrem „Sport“ nichts ohne Grund.

5. Nun die hohe Schule des Ganzen: Sie brauchen Informationen, Sie müssen etwas wissen! Etwas? Das ist viel zu wenig, „alles“ wäre unerfüllbar, aber in die Richtung geht es. Mir sitzen Dipl.-Ingenieure gegenüber, die als Vermutung äußern, ihr Chef könne sie nicht leiden, hätte etwas gegen sie. Dann ist der Fragesteller Universitätsabsolvent – und was der Chef ist, weiß er nicht. Weiß er nicht! Darin muss nicht zwangsläufig die Lösung liegen, aber wer schon das nicht weiß, weiß überhaupt zu wenig.

Wissen ist Macht, ein Zuviel davon (von Wissen) ist kaum denkbar. Um Leute wie Chefs, Chef-Chefs, Kollegen etc. so richtig verstehen zu können, muss ich mich für sie interessieren. Und wenigstens aufmerksam zuhören, wenn sie etwas erzählen. Dabei gilt es dann, gelegentlich (aushorchen ist verpönt!) die eine oder andere geschickte Zusatzfrage zu stellen.

Fragen Sie mich nicht, wie man so etwas macht, das kommt auf Ihre Chefs, Ihre Kollegen und Ihre eigene Persönlichkeit an. Die Hauptsache ist, dass Sie die Notwendigkeit sehen, so viel wie möglich über Ihr berufliches Umfeld zu wissen. Da Chefs häufig gute Eigendarsteller sind und ganz gern einmal über sich plaudern, ergibt sich so manche Chance, an Informationen zu kommen.

Beispiel: Sie haben ein 1,x-Abitur und einen adäquaten Uni-Abschluss. Offiziell gilt: je besser, desto wertvoller. Also könnten Sie denken: Er ist mein Chef, daher vermutlich noch besser als ich. Wenn also auf einer Dienstreise oder abends beim Bier die Rede auf Ausbildungsqualitäten oder Noten kommt, weise ich – auf Umwegen, aber immerhin – deutlich auf meine sehr guten Noten hin. Nun gibt es jedoch Chefs, die haben viel schlechtere Resultate in ihren Papieren. Das wäre dann nicht so gut für Sie. Es gibt aber sogar Chefs, die haben Söhne, welche gerade durchs Abitur gefallen sind. Dann wäre Ihr mehrfacher Hinweis darauf, wie Sie im Abitur geglänzt haben, ein böser Missgriff gewesen.

„So etwas“ muss man also wissen. Und wenn er es nicht freiwillig erzählt, fragen Sie ihn bei Gelegenheit. Nicht: „Welche Noten hatten Sie?“, sondern etwa: „Sie haben doch sehr große Erfahrung in der Personalauswahl. Wir haben neulich im Freundeskreis darüber diskutiert: Welche Rolle messen Sie eigentlich Abitur- und Examensnoten bei?“ Aus seinen Antworten kann man dann schon Schlüsse ziehen.

Es geht bei solchen Informationen nicht nur um den Chef, es geht auch um Pläne, Vorlieben und Abneigungen des Vorstands, um langfristige Unternehmenskonzepte etc. Im Unternehmen kennt man Leute, die wieder Leute kennen, die …Wie immer Sie das auch sehen wollen: Aber nach fünf Jahren der Tätigkeit nicht zu wissen, ob Ihr Chef TH- oder FH-Absolvent ist, muss als sträflicher Leichtsinn gewertet werden. Denn Sie können jemanden nur richtig behandeln, wenn Sie ihn einstufen und zuordnen können.

6. Im Idealfall sind Sie denn also- sehr gut auf Ihrem Gebiet,- selbstbewusst, souverän und – in Grenzen – risikobereit,- großzügig im Detail und nicht mimosenhaft empfindlich; kein Erbsenzähler, sondern ein Mitarbeiter mit Blick für die Zusammenhänge, für das Wesentliche,- jemand, der sein Umfeld versteht, die Regeln kennt,- mit ausreichenden Informationen über Ihr Umfeld versehen – damit Sie Fallgruben vermeiden und Chancen gezielt nutzen können.Sie sind zwar immer noch Angestellter, kommen aber einer freien Entfaltung Ihrer Persönlichkeit doch schon recht nahe. Oder: Es macht nur Spaß, auf dem Klavier zu spielen, wenn man das Instrument einigermaßen beherrscht, alles andere ist Geklimper.

7. Bleiben die damit so „hart“ erarbeiteten Entfaltungsmöglichkeiten:

a) Sehen Sie einmal über die „Küchen“- oder „Poesiealbum“-Philosophie dieses Spruchs hinweg und werten Sie nur den Inhalt:“Quält dich in tiefer Brust das harte Wort “du musst“, dann setze dafür stark und still das stolze Wort „ICH WILL“.

„Sie ärgern sich nicht über einen Termin, der Ihnen gesetzt wurde, sondern Sie wollen(!) bis dahin fertig werden. Wenn man sich dem öffnet, funktioniert es (Freiräume sind auch Empfindungs- und Definitionssache).

b) In jedem Job gibt es Freiräume, die Sie sich erschließen und die Sie ausweiten können. Am besten eignet sich die Salami-Taktik („Scheibchen für Scheibchen“). Und wie heißt es volkstümlich in jeder größeren Organisation: „Wer hier nichts zu sagen hat, ist selber schuld“ (das ist sprachlich unsauber, aber einprägsam).

c) Wer wird denn als Chef einem fachlich sehr guten, sehr engagierten, seine Vorgesetzten verstehenden, die Regeln kennenden und an allem interessierten Mitarbeiter unnötig seine Freiräume beschneiden? Zu den geforderten Punkten 1 – 4 gehört natürlich auch, dass Sie den Vorgesetzten den nötigen Respekt entgegenbringen, dass Sie nicht den Eindruck hinterlassen, an ihrem Stuhl zu sägen und weiteres in dieser Art.Je mehr Angst der Chef hat, dieser „tolle“ Mitarbeiter könnte kündigen, desto besser für letzteren – und für seine Freiräume.

d) Auch ich bin einmal jung gewesen. Und analytisch stark, rhetorisch gewandt, selbstbewusst – eine geradezu ekelhafte Kombination aus der Sicht meines ranghohen Chefs. Und ich hatte zu oft recht. Ich diskutierte gern und hatte stets nur ein Ziel: mein sei der Sieg. Bis mir seine erfahrene Sekretärin sagte, das ginge nicht gut – und „er will doch auch mal gewinnen“. Das war mein Schlüsselerlebnis. Also habe ich ihn des Öfteren gelassen (gewinnen). Es war eine Investition, sie hat sich sehr gut ausgezahlt. Überhaupt ist das beste Mittel gegen Ärgern über den Chef ganz „einfach“: selber Chef werden. Das macht Spaß. Und Sie ärgern sich dann nicht nur über Ihren Chef, sondern auch noch über Ihre Mitarbeiter. Oder über beide je zur Hälfte.

Kurzantwort:

Ich weiß, ich wiederhole mich, aber es geht nicht anders: Der Angestellte ist abhängig beschäftigt. Wer je an irgendwelchen Details Anstoß nimmt, sich über Einzelheiten des beruflichen Systems aufregt, lasse diesen Kernsatz auf der Zunge zergehen (er ist nicht von mir, er durchzieht alle offiziellen Definitionen, Lehrbücher etc.). Wer also Angestellter werden will oder schon geworden ist, muss diesen Begriff der Abhängigkeit als unabdingbar akzeptieren. Alles andere ist Augenwischerei.

Frage-Nr.: 394
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-02-09

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