Heiko Mell

Fachkräftemangel?

Antwort:

Gut, vielleicht haben wir wirklich in einigen Bereichen einen Überhang an offenen Stellen, die nicht besetzt werden können (wir sprechen hier, der Zielgruppe entsprechend, von Akademikern technischer Ausrichtung, nicht jedoch beispielsweise von Facharbeitern). Wenn die derzeit reihenweise veröffentlichten Berichte stimmen, dann flaut die Konjunktur jedoch schon wieder ab, damit werden auch die Stellenangebote weniger werden – und dann hätte sich der diesjährige Fachkräftemangel erst einmal wieder erledigt.

Aber derart tiefsinnige Betrachtungen sind gar nicht mein Thema. Ich will Ihnen hier so viele Informationen über die gesamte Arbeitswelt geben wie irgend möglich. Nur auf der Basis umfassenden Wissens können Sie Ihre eigene Strategie oder Ihr taktisches Vorgehen optimieren. Und nun ist also der Fachkräftemangel „dran“:

Was ist ein Mangel? Ein Zustand, bei dem der Bedarf (die Nachfrage) das Angebot übersteigt. In einer Marktwirtschaft ist so etwas ärgerlich. In der Theorie führt das zu einer Vermehrung des Angebots – aber das funktioniert nicht immer.

Es ist also denkbar, dass die Ursache des Mangels in einem zu geringen Angebot liegt. Dann wäre eine Abhilfe schwierig. Ein Mangel kann aber auch auf eine schlicht „falsch“ angelegte Nachfrage zurückgehen. „Falsch“, weil man erst etwas sucht, was es gar nicht geben kann, dann aber laut „Mangel“ ruft.

Ich werde genau das beweisen:Ein Unternehmen sucht einen Ingenieur. So mit etwa fünf Jahren Berufspraxis. Er soll – ich liebe dieses Beispiel – linke Hinterräder an Fahrzeugen konstruieren. Bis dahin kein Problem, das ist alles nachvollziehbar. Also geht das Unternehmen damit an den Stellenmarkt (Internet-Stellenbörsen, Printmedien, eigene Homepage). Die Position wird korrekt beschrieben. Es ist dem Leser klar, was der neue Mitarbeiter tun soll. Dann kommt der Kern der Geschichte: Gesuchter Erfahrungsschwerpunkt ist die mehrjährige Praxis im Konstruieren linker Hinterräder. Aus der Sicht des Fachvorgesetzten dieser offenen Stelle ist das logisch: Der Neue soll das Gebiet A betreuen, also soll er umfangreiche Praxis in A aufweisen können. Was soll daran falsch sein?

Falsch ist eine Kleinigkeit: In einer Hochkonjunkturphase kann(!) es, von winzigen Ausnahmen abgesehen, einen solchen Bewerber gar nicht geben. Denn jede Bewerbung soll deren Absender zu einem beruflichen Fortschritt führen. Der wiederum ergibt sich aus der Ausgangssituation des Kandidaten:

– Ist er arbeitslos, will er vor allem einen Job. Arbeitslose Bewerber sind in der Hochkonjunktur sehr selten und ohnehin nie beliebt. Diese Gruppe fällt also aus.

– Ein heute linke Hinterräder betreuender Konstrukteur könnte als weniger fähig gelten und/oder Ärger mit seinem Chef haben. Diese Gruppe ist auch nicht gewollt und fällt ebenfalls unter den Tisch.

– Der Arbeitgeber könnte vor der Insolvenz oder vor Massenentlassungen stehen. Das ist für die Hochkonjunktur eher atypisch.

Natürlich gibt es auch jüngere, dynamische, fähige Konstrukteure, die seit längerer Zeit sehr erfolgreich linke Hinterräder konstruieren und einen sicheren, soliden Job haben. Aber warum sollten die ihre heutige Position aufgeben, eventuell noch umziehen, um dann anderswo die gleiche Arbeit zu tun? Schön, für 50% Gehaltssteigerung täten sie es, aber davon ist keine Rede.

Fazit: Das Unternehmen findet niemanden („wir suchen seit Monaten“), andere Firmen handeln entsprechend, der Fachkräftemangel ist geboren. Der Eingeweihte rauft sich die Haare, aber das ändert gar nichts.

Es gilt: Jede Stellenausschreibung in der Hochkonjunktur ist nur dann ein ernstzunehmender Versuch, wenn sie eine Kernfrage beantwortet: Warum soll ein Akademiker mit dieser gesuchten Qualifikation seinen Vertrag kündigen und diese offene Stelle haben wollen? Wo liegt für ihn der Fortschritt? Gibt es darauf keine Antwort, gibt es auch keinen Fachkräftemangel, es gibt nur Suchfehler. Richtig und systemkonform wäre einer dieser Lösungsansätze:

– Der gesuchte erfahrene Konstrukteur wird z. B. dort Teamleiter,- ein erfahrener Konstrukteur mit anderem Schwerpunkt erhält die Chance, unter Anleitung in dieses zukunftsorientierte Gebiet hineinzuwachsen (alles ist erlernbar),

– man sucht einen Berufseinsteiger und bildet ihn zum Konstrukteur aus.

Natürlich sind diese Lösungen für die suchende Abteilung etwas aufwendiger, aber nur so geht es. Es hat keinen Sinn, kompromisslos (es wird Leute geben, die es „stur“ nennen) etwas zu suchen, was es nicht geben kann, ja nicht einmal geben darf. Weil ein Bewerber, der positiv darauf reagierte, Erklärungsnöte hätte.

Kurzantwort:

Gut, vielleicht haben wir wirklich in einigen Bereichen einen Überhang an offenen Stellen, die nicht besetzt werden können (wir sprechen hier, der Zielgruppe entsprechend, von Akademikern technischer Ausrichtung, nicht jedoch beispielsweise von Facharbeitern). Wenn die derzeit reihenweise veröffentlichten Berichte stimmen, dann flaut die Konjunktur jedoch schon wieder ab, damit werden auch die Stellenangebote weniger werden – und dann hätte sich der diesjährige Fachkräftemangel erst einmal wieder erledigt.

Frage-Nr.: 393
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-12-02

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