Heiko Mell

Karrierecheck Nr. 7 / Persönlichkeit

Das Studium vermittelt fast ausschließlich Fachkenntnisse, in Verbindung mit beruflicher Praxis wird daraus eine zunächst ständig weiter wachsende Fachqualifikation. Viele Naturwissenschaftler, insbesondere zahlreiche Ingenieure, sind der Ansicht, eine hohe fachliche Qualifikation mache den Wert eines entsprechenden Angestellten aus und müsse die zentrale Basis für eine angemessene Entlohnung, für die Übertragung größerer Verantwortung, für Beförderungen und für den weitgehenden Schutz gegen den Verlust des Arbeitsplatzes sein. Diese Auffassung mag verständlich sein – sie ist aber falsch.

Beruflicher Erfolg, wie immer man den im Detail definieren will, ist hingegen zum sehr großen Teil von persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten abhängig. Das bedeutet nicht etwa, dass Fachqualifikation bedeutungslos wäre. Es ist einfach so, dass überzeugende fachliche Leistungen für jede positive berufliche Entwicklung eine selbstverständliche Voraussetzung sind. Sie reichen jedoch allein für „mehr“ nicht aus. Anmerkung: Dass in Ausnahmefällen auch eindrucksvolle Karrieren sogar ohne eine erkennbare fachliche Qualifikation möglich sind, bestätigt nur die Regel – darauf verlassen kann man sich nicht („Schmutzeffekt im System“).

Das Problem bei dieser Thematik: In gewissen durch Begabung gesetzten Grenzen lässt sich fachliche Qualifikation gezielt erwerben. Persönliche Fähigkeiten lassen sich zwar durch bestimmte Maßnahmen fördern, entsprechende Anlagen müssen jedoch vorhanden sein.

Je höher ein Mitarbeiter in der Hierarchie aufsteigt, desto größer wird die Bedeutung von Persönlichkeitsfaktoren für seine Gesamtqualifikation. Nach einer Faustregel sind beim Abteilungsleiter beide Aspekte (fachliche und persönliche Qualifikation) vielleicht noch zu je 50% am Erfolg beteiligt. Darüber hinaus gilt der Grundsatz: Manager scheitern nicht mehr an fachlichen Fehlern, sondern an Problemen, die in ihrer Persönlichkeit begründet sind.Es ist nahezu unmöglich, eine erschöpfende Aufzählung aller relevanten Persönlichkeitsaspekte zu geben, außerdem hängen die Anforderungen vom jeweiligen Einzelfall und der besonderen Umgebungssituation ab.

Beispiele, die das ganze Spektrum wenigstens umreißen (bewusst nur alphabetisch und nicht nach Wertigkeit geordnet):
analytische Fähigkeiten, Ausstrahlungskraft, Begeisterungsfähigkeit, Beharrlichkeit, Blick für das Wesentliche, Durchsetzungsfähigkeit, Dynamik, Einsatzbereitschaft, Kontaktstärke, Kreativität, Loyalität, Präsentationsstärke, Pünktlichkeit, rhetorische Fähigkeit, Sorgfalt, Stehvermögen, sympathische Erscheinung, taktisches Geschick, Überzeugungskraft, Zuverlässigkeit.

Bewährt hat sich folgende Empfehlung: in früher Jugend (Schule) damit beginnen, sich durch Vergleich mit anderen in gleicher Situation eigene Stärken und Schwächen (letztere gnadenlos) bewusst zu machen; eine berufliche Richtung wählen, die auf erkannte Stärken setzt und bei der erkannte Schwächen nur wenig hinderlich sind; wenn Gelegenheit zum Training/zur Schulung/zur Förderung besteht: Konzentrieren Sie sich vorrangig auf die Stärken und sehen Sie zu, dass Sie auf einem dieser Gebiete sehr gut oder brillant werden; natürlich ist es ehrenwert, gezielt auch gegen Schwächen anzugehen – gegen andere, die dort ihre Stärken haben (Naturtalente) kommen Sie aber niemals an. Persönlichkeitsmerkmale lassen sich beispielsweise während des Studiums weiterentwickeln durch Mitarbeit in studentischen Organisationen und Gremien, in politischen oder freien Jugendorganisationen, durch verantwortliche Mitwirkung in Vereinen o. Ä.

 

 

Kurzantwort:

Das Studium vermittelt fast ausschließlich Fachkenntnisse, in Verbindung mit beruflicher Praxis wird daraus eine zunächst ständig weiter wachsende Fachqualifikation. Viele Naturwissenschaftler, insbesondere zahlreiche Ingenieure, sind der Ansicht, eine hohe fachliche Qualifikation mache den Wert eines entsprechenden Angestellten aus und müsse die zentrale Basis für eine angemessene Entlohnung, für die Übertragung größerer Verantwortung, für Beförderungen und für den weitgehenden Schutz gegen den Verlust des Arbeitsplatzes sein. Diese Auffassung mag verständlich sein – sie ist aber falsch.

Frage-Nr.: 386
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-09-23

Von Heiko Mell

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