Heiko Mell

Karrierecheck Nr. 6 / Angebot und Nachfrage

Es gibt kein Recht auf eine Anstellung durch ein bestimmtes oder auch nur durch irgendein Unternehmen. Sie müssen sich in jeder Phase Ihres Berufslebens selbst darum kümmern (oft intensiv bemühen, mitunter darum kämpfen), dass ein Unternehmen Sie anstellt oder Ihre bestehende Anstellung nicht kündigt und so Ihre Existenz sichert. Das jeweilige Unternehmen muss Sie haben und behalten wollen, muss sich gern für Sie entscheiden – zwingen können Sie es grundsätzlich nicht.

Daher ist es einfach nur konsequent, sich bei der gesamten Ausrichtung der eigenen beruflichen Qualifikation vor allem an dem zu orientieren, was die Unternehmen suchen, wollen, bevorzugen. Grundsätzlich sind Ihre eigenen Vorstellungen dazu weniger wichtig. So wie es ja auch bei der Entwicklung eines neuen Produktes nicht entscheidend ist, dass dieses Erzeugnis dem zuständigen Entwicklungsingenieur gefällt – der Kunde muss es kaufen, das allein entscheidet („Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“).

Die Ausrichtung auf die Vorstellungen des Marktes („Arbeitsmarkt“) beginnt idealerweise bereits bei der Planung und Durchführung des Studiums und setzt sich bei der gesamten Gestaltung des Werdeganges fort.

Dabei ist eine besonders gefährliche „Falle“ zu beachten: Es ist ohne Bedeutung, dass es jenen exotisch klingenden Job, den Sie gern übernähmen, tatsächlich irgendwo gibt und dass man Ihnen den konkret anbietet – von zentraler Bedeutung ist die Antwort auf die Frage: „Wie stehe ich da, wenn ich aus jenem Job heraus nach drei oder fünf Jahren oder nach achtzehn Monaten wechseln will oder (womit immer zu rechnen ist) wechseln muss? Gibt es zahlreiche Stellenangebote auf dem Markt, zu denen meine Qualifikation dann passen würde?“

Das führt zu der Empfehlung, bei allen beruflich relevanten Schritten und Entscheidungen vorher(!) zu überlegen, wie etwa spätere Bewerbungsempfänger darüber denken werden. Und Experimente zu vermeiden, bei denen Sie hätten zumindest ahnen können, dass Sie damit Ihren Marktwert ruinieren oder doch empfindlich schädigen. Es gibt also gewichtigere Fragen als jene, was Sie gern tun würden.

Einen wesentlichen Teil der Erwartungen von Unternehmen können Sie Stellenanzeigen entnehmen. Alle paar Monate sollten Sie diese Inserate lesen, analysieren, mit dem vergleichen, was Sie zu bieten haben. Ein simples Beispiel: Es gibt auch heute noch Jobs, in denen ein Akademiker kein Englisch braucht. Ein Blick in die Stellenangebote zu seiner Berufsgruppe zeigt ihm jedoch, dass heute in einem – aus seiner Sicht – bedrohlich hohen Prozentsatz fließendes Englisch eine Grundvoraussetzung ist. Verliert dieser Mitarbeiter seine heutige Anstellung, kann er an diesem Aspekt scheitern.

Aber: Unternehmen erwarten nicht nur jene Qualifikationsdetails, von denen sie in ihren Anzeigen sprechen. Viele andere setzen sie stillschweigend als selbstverständlich voraus: nicht zu häufige Arbeitgeberwechsel; gute Zeugnisse; eine durch steigende Verantwortung geprägte, positiv verlaufende Berufslaufbahn; keine „Differenzen“ oder „unterschiedlichen Auffassungen“ mit Vorgesetzten; möglichst nie und schon gar nicht immer wieder arbeitslos werden; ein fachlicher roter Faden im Werdegang etc.

Sie müssen also, um stets begehrt zu bleiben, nicht nur ständig Stellenanzeigen lesen, sondern sich auch intensiv mit den geschriebenen und ungeschriebenen Regeln dieses beruflichen „Spiels“ (s. Nr. 10) beschäftigen.

 

 

Kurzantwort:

Es gibt kein Recht auf eine Anstellung durch ein bestimmtes oder auch nur durch irgendein Unternehmen. Sie müssen sich in jeder Phase Ihres Berufslebens selbst darum kümmern (oft intensiv bemühen, mitunter darum kämpfen), dass ein Unternehmen Sie anstellt oder Ihre bestehende Anstellung nicht kündigt und so Ihre Existenz sichert. Das jeweilige Unternehmen muss Sie haben und behalten wollen, muss sich gern für Sie entscheiden – zwingen können Sie es grundsätzlich nicht.

Frage-Nr.: 385
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-09-16

Von Heiko Mell

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