Heiko Mell

Karrierecheck Nr. 4 / Abhängig

Nach offizieller Definition ist ein Angestellter „abhängig beschäftigt“. Er arbeitet weisungsgebunden und ist bei einer Einstellung, bei der Zuweisung von Tätigkeiten, bei der Entscheidung über Beförderung oder ggf. Entlassung, bei Gehaltsfestsetzung und Zeugnisformulierung weitgehend vom Wohlwollen seines Arbeitgebers abhängig. Dieser wird durch den Chef vertreten.

Die Aussage gilt auch für leitende Angestellte und in ihren wesentlichen Zügen auch für Geschäftsführer und Vorstandsmitglieder. Führungskräfte sind in einer Doppelfunktion tätig: Nach „oben“ sind sie Mitarbeiter und haben einen Chef, nach „unten“ (für ihre Mitarbeiter) sind sie der Chef, der den Arbeitgeber repräsentiert. Selbstständige ersetzen die Abhängigkeit von jeweils einem Arbeitgeber durch die von (allerdings mehreren) Kunden.

Diese vom System gewollte, in Gesetzen festgeschriebene Abhängigkeit ist Basis des gesamten Angestellten-Berufslebens. Sie setzt zwangsläufig Grenzen z. B. für

  •  die uneingeschränkte, freie Entfaltung der Persönlichkeit,
  •  das Ausleben bestimmter Formen eines Individualismus-Bestrebens (das geht bis zu Fragen der Kleidung, der Freizeitgestaltung und der privaten Lebensführung),
  •  die Ablehnung jeder Form von Anpassung an vorgegebene Normen und Verhaltensweisen,
  •  das Abwickeln von Arbeitsaufträgen vorwiegend im Rahmen eigener Vorstellungen über richtiges und falsches Vorgehen.

Abhängigkeiten jeglicher Art sind nicht immer ganz einfach zu verarbeiten, ganz besonders nicht im Berufsleben. Als Warnsignal gelten Probleme mit verschiedenen Autoritätspersonen wie z. B. Eltern, Lehrern, Bundeswehr-Vorgesetzten und früheren Chefs. Wer mit mehreren davon mehrmals aneinander geriet, wird sich auch mit betrieblichen Chefs schwer tun, lehrt die Erfahrung.

Es geht übrigens bei möglichen Auseinandersetzungen mit dem Vorgesetzten niemals darum, wer etwa recht hat – im System sind „unterschiedliche Auffassungen“ zwischen Chef und Mitarbeiter gar nicht vorgesehen. Es gibt lediglich Mitarbeiter, die im Sinne ihres Vorgesetzten „funktionieren“ und solche, die es nicht tun.

Wer die immer gegebene und häufig durchaus spürbare (in Grenzfällen brutal ins Bewusstsein gerufene) Abhängigkeit des Angestellten vom Arbeitgeber nicht mag, findet durchaus Alternativen: Erbschaft, reiche Heirat, Lottogewinn, Existenz als freier Künstler etc.

Diese systemimmanente Abhängigkeit bedeutet übrigens keineswegs etwa den Verzicht auf Arbeitsfreude, auf jegliche Art von Persönlichkeitsentfaltung oder auf Spaß am Beruf oder an der täglichen Arbeit. Man muss nur den Grundgedanken dieses Prinzips akzeptieren, sich durch überzeugende Leistungsentfaltung weitgehend unangreifbar machen und ein paar wichtige Regeln im täglichen Umgang einhalten. So wie ja auch Kinder von ihren Eltern abhängig sind und sehr oft dennoch eine glückliche Kindheit verleben können.

Als Warnung: Gehen Sie davon aus, dass von einem abhängig Beschäftigten zwangsläufig Anpassungsbereitschaft gefordert wird. Sehr viele Menschen streben nach einem Arbeitsverhältnis in abhängiger Beschäftigung, aber nur wenige zeigen große Bereitschaft zur Anpassung – darin liegt ein erhebliches Konfliktpotenzial.

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Kurzantwort:

Nach offizieller Definition ist ein Angestellter „abhängig beschäftigt“. Er arbeitet weisungsgebunden und ist bei einer Einstellung, bei der Zuweisung von Tätigkeiten, bei der Entscheidung über Beförderung oder ggf. Entlassung, bei Gehaltsfestsetzung und Zeugnisformulierung weitgehend vom Wohlwollen seines Arbeitgebers abhängig. Dieser wird durch den Chef vertreten.

Frage-Nr.: 383
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-09-02

Von Heiko Mell

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