Heiko Mell

Wer lesen kann, findet

Antwort:

Es macht Spaß, Zeugnisse zu lesen. Und das nicht obwohl, sondern weil eigentlich nichts Aufregendes drin stehen darf. Steht aber meist doch, man muss nur lesen können. Oder sagen wir konkret: interpretieren können.

Letzteres braucht Übung. Ich habe als Anfänger mehrere Jahre lang das altehrwürdige Würzburg als „amtlich zur toten Hose erklärt“ eingestuft. Weil ein Richter(!) einem Rechtsreferendar ins Zeugnis geschrieben hatte: „Über das außerdienstliche Verhalten des Referendars ist nichts Nachteiliges bekannt geworden, da der Kandidat in Würzburg wohnt.“ Was ich interpretiert hatte als: „Dort kann man nichts anstellen, die Stadt ist dafür bekannt.“ Bis mich Jahre später jemand, auch Beamter, aufklären konnte: Es sei gar nicht um den Ort als solchen gegangen. Vermutlich habe das Amtsgericht in einem Nachbarort gestanden und der Richter hätte ausdrücken wollen, er habe nichts Negatives über den jungen Mann wissen können, weil er an dessen Wohnort nie hinkäme. Bleibt die Frage: Warum sagt er das denn nicht? Und ich entschuldige mich bei Würzburg wegen des ungeheuerlichen Verdachts.

Aber man kann auch daraus wieder die Erkenntnis ziehen: Die Leute schreiben nicht, was sie denken. Letzteres muss man auf Umwegen herauszulesen versuchen. Das geht in einem gewissen Rahmen durchaus. Vermutlich verleitet das Unterbewusstsein den formulierenden Vorgesetzten (oder dessen Aussage den Personalleiter) dazu, trotz des Willens zur aufrichtigen Aussage doch irgendwie anzudeuten, dass der Mitarbeiter

– fachlich ein Ass ist, aber schwach im Führen,

– ein höchst frostiges Verhältnis zum Vorgesetzten hatte (wenn nicht Ärger mit ihm),

– sich als Führungskraft stärker um die Interessen seiner „Leute“ als um die seines Chefs gekümmert hat,

– vieles engagiert angefangen, aber weniges erfolgreich beendet hat,

– den Interessen von Kunden Vorrang vor denen des eigenen Hauses einräumte,

– bis 1994 offenbar sehr gut „funktioniert“ hat, seit der dann erfolgten Beförderung aber nicht mehr.

Mit viel Übung und Sprachgefühl entdeckt man auch Wörter, die so an diese Stelle nicht absolut „flüssig“ hinpassen. Sie sind nicht falsch, aber stören die Satzharmonie. Fast immer bestätigt sich später im Gespräch, wenn man ein wenig bohrt, dass hier „Auffassungsunterschiede“ zwischen Chef und Mitarbeiter vorlagen, dass man an der Stelle um Zeugnisformulierungen gerungen hat und dass jetzt dort tatsächlich ein Kompromiss steht.“

Dies soll, damit keine Zweifel entstehen, ein sehr gutes Zeugnis sein“, schrieb ein frustrierter Arbeitgeber unter sein Machwerk. Ihm reichte es. Für mich sind Fälle ergiebiger, in denen man feinsinniges Herumreden um den heißen Brei förmlich greifen kann. Aber, seien Sie gewarnt, der „Würzburg-Effekt“ droht permanent.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 38
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 33
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-08-18

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