Heiko Mell

Tun Sie Unerhörtes, lesen Sie Ihre Zeugnisse!

Antwort:

Der klassische Bewerber hat seine eigenen Zeugnisse nie gelesen. Das klingt merkwürdig, drängt sich aber als Erkenntnis auf. Für drei wichtige Zeitpunkte innerhalb seines Berufslebens gibt es für meine Theorie ziemlich handfeste Indizien:
Da ist erstens der Tag der Aushändigung des Dokumentes. Hätte der Bewerber dieses kurz danach gelesen, wären ihm bestimmte Merkwürdigkeiten darin ja wohl aufgefallen, er hätte reklamiert und zeitnah zum ersten Ausstellungsdatum ein neues, korrigiertes Zeugnis bekommen. Hat er aber nicht – also hat er damals garantiert kein Interesse daran gezeigt.

Zweitens ist das Datum zu nennen, das der Lebenslauf trägt. Als der geschrieben wurde, wäre eine gute Gelegenheit gewesen, die Zeugnisse aus den einzelnen Beschäftigungsverhältnissen danebenzulegen und auf Übereinstimmung zu achten (dabei ist dann der Lebenslauf dem Zeugnis anzupassen – für den umgekehrten Schritt ist es zu spät).

Dann ist da drittens der Abend vor dem Vorstellungsgespräch, also die Vorbereitung darauf. Hätte er da noch einmal einen Blick in seine Unterlagen geworfen, wären zwar die Merkwürdigkeiten immer noch da, aber der Bewerber würde wenigstens davon wissen, wenn er darauf angesprochen wird. So aber fällt er aus allen Wolken. Und ich muss nur warten, bis ihm die Strategie der Vorwärtsverteidigung in den Sinn kommt: „Das ist außer Ihnen noch nie jemandem aufgefallen.“ Soll heißen: Niemand war bisher so pingelig wie Sie. Was keinesfalls stimmen muss. Viele Bewerbungsempfänger mögen sehr wohl etwas bemerkt haben, das sie dann auch werten(!), scheuen aber die fruchtlose Mühe, das mit dem Bewerber zu diskutieren.

Sind Sie denn überhaupt für den Inhalt der Zeugnisse verantwortlich? Im Prinzip nicht, aber in der Praxis hängt Ihr Bewerbungserfolg daran. Und das Image „Murksbetrieb“, das sich Ihr alter Arbeitgeber auf diesem Gebiet erarbeitet, färbt schon auf Sie ab. Nicht alle Fehler des Dokumentes konnten Sie vielleicht ausmerzen lassen – aber es ist doppelt blamabel, wenn Sie im Vorstellungsgespräch sitzen und die Auffälligkeiten in Ihren Zeugnissen nicht einmal kennen.

Natürlich möchten Sie nun ein paar Beispiele: Falsches Eintritts- und/oder fehlendes Austrittsdatum; absolut nicht mit dem Lebenslauf übereinstimmende Position-/Tätigkeitsbezeichnung; nicht erwähnte Vollmachten (ppa.), Beförderungen/Ernennungen (Stellvertreter des Abteilungsleiters); Rechtschreib- und Grammatikfehler; unvollständige Sätze; krasse Merkwürdigkeiten (der ehemalige Mitarbeiter ist männlich, aber das Zeugnis wünscht „ihr“ alles Gute), die klassische Verwechslung mit dem Papst, indem „wir Ihm danken“ (und das in drei Sätzen hintereinander), offensichtlich gedankenlose Formulierungen wie „war bei den Kollegen sehr beliebt“; Gegenwartsform in der Beurteilung im Endzeugnis.

Wenn Sie Ihr eigenes Zeugnis nicht lesen, können Sie sich sogar dem Vorwurf der Hochstapelei oder des Betrugs aussetzen:
Ein Berufsanfänger tritt 2000 nach dem Studium bei Müller & Sohn ein. Beispielsweise als Mitarbeiter der Gruppe Fertigungsprozessoptimierung. Fünf Jahre später wird er Leiter der Gruppe. Weitere fünf Jahre später verlässt er das Unternehmen. Er schreibt in den Lebenslauf:
2000 – 2010 Müller & Sohn GmbH, Tupfing am See (Maschinenbau-Komponenten für Verpackungsmaschinen, inhabergeführt, ca. 350 MA) Leiter der Gruppe Prozessoptimierung Fertigung- …Das ist gelogen! Er war nicht ab 2000 „Leiter“, sondern erst einmal nur „Mitarbeiter in der …“. Erst fünf Jahre später passt „Leiter“. Und seien Sie versichert: Das Zeugnis listet das akribisch und korrekt auf. Sie müssen es nur lesen und abschreiben.

Auch Ihr Auto haben Sie nicht selbst montiert. Aber die Straßenverkehrsordnung macht Sie als Fahrer verantwortlich, wenn Sie ohne (am Montageband etwa vergessene) Rücklichter fahren. Fahren würden, natürlich – in der Praxis ist das völlig undenkbar.

Kurzantwort:

Der klassische Bewerber hat seine eigenen Zeugnisse nie gelesen. Das klingt merkwürdig, drängt sich aber als Erkenntnis auf. Für drei wichtige Zeitpunkte innerhalb seines Berufslebens gibt es für meine Theorie ziemlich handfeste Indizien:

Frage-Nr.: 375
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-02-24

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