Heiko Mell

„Wer kann sie erraten?“

Antwort:

Die erste Zeile des hier zitierten Liedes lautet: „Die Gedanken sind frei“, die Frage nach dem Erraten folgt dann danach (Achim von Arnim u. Clemens Brentano, „Des Knaben Wunderhorn“). Was das mit unserer Thematik zu tun hat?

Nun, der jeweils nachgeordnete (untergebene) Angestellte ist nachdrücklich gehalten, sich ein gutes Urteil seines Chefs zu erarbeiten. Volkstümlich ausgedrückt: Er soll das Wohlwollen des Vorgesetzten erringen oder schlicht „ihn bei Laune halten“, soweit dessen Urteil über ihn betroffen ist.Orientierungsmaßstab scheint dabei zu sein, was der Vorgesetzte sagt. Aber, und genau da liegt das Problem, das reicht nicht! Weil Vorgesetzte dazu neigen, eben nicht hinreichend deutlich zu artikulieren, was sie diesbezüglich bewegt. Ich habe schon öfter das klar ausgesprochene Chef-Wort als „Spitze eines Eisbergs“ bezeichnet – der deutlich größere Teil dessen, was er zusätzlich meint, liegt unsichtbar „unter Wasser“.

Nach diversen Erfahrungen aus jüngerer Zeit glaube ich, noch einen Schritt weitergehen zu müssen. Aus gesprochenen Worten (Spitze des Eisbergs) auf viele unausgesprochene (Rest des Berges) zu schließen, ist nur eine Seite der Medaille. Konkret: Sie müssen nicht nur das Gesagte „hochrechnen“, Sie müssen unabhängig davon ergründen, was er wohl denkt. Beispielsweise dann, wenn er gar nichts sagt – oder jedenfalls nichts, was mit Ihnen zu tun hat.

Das sei, sagen Sie, teils völlig unzumutbar und teils absolut unmöglich? Aber ganz und gar nicht, Sie müssen es nur wollen. Und zur Beruhigung: Beim Pokern, bei anderen Kartenspielen, beim Schach, bei diversen Sportarten und auch in jeder Beziehung ist der Versuch selbstverständlich, die Gedanken des Partners oder Gegners zu erraten. Aber bleiben wir beim Chef:

Natürlich ist es schwer bis unmöglich, eine pauschal geltende Gebrauchsanweisung zu geben „Wie errate ich, was mein Chef denkt, insbesondere über mich?“. Letztlich müssen Sie dort selbst kreativ werden und sich auf seine spezielle Persönlichkeit einstellen – vor allem müssen Sie sich aktiv um dieses Wissen bemühen.

Aber ich kann Ihnen ein negatives Beispiel liefern und Ihnen sagen, was absolut falsch ist: „Er hat nichts dazu gesagt“ – beweist gar nichts, wenn es um die Bewertung kritischer Situationen geht. Gedacht haben kann er sehr wohl etwas. Und: wird er auch! Denn ein Chef ist in der Regel ein kluger, erfolgreicher, erfahrener Mensch. In Situationen, in denen Sie froh sind, dass er nichts gesagt hat, also durchaus etwas hätte sagen können, hat er bestimmt etwas gedacht. Das wiederum können Sie schon herausfinden oder erraten, wenn Sie ihn stets nicht nur interessiert beobachten, sondern sich für ihn und seine Welt interessieren. Wenn man die Handlungen des Chefs beobachtet, seine Entscheidungen analysiert, seine Äußerungen bei anderen Gelegenheiten registriert, wenn man auswertet, welche Mitarbeitertypen er schätzt und welche nicht, dann kommt eine Menge verwertbaren Materials zusammen. Und wenn Sie wissen, was er denkt, können Sie sich daran ausrichten – oder auch nicht, wir sind ein freies Land.

Aber festzuhalten ist: Sie können nicht nur Schaden an Ihrer Karriere nehmen, wenn Ihr Vorgesetzter Kritisches zu Ihnen oder über Sie sagt, einschneidende Nachteile bis hin zur Entlassung „aus heiterem Himmel“ sind ebenfalls möglich, wenn er nur entsprechend Kritisches denkt.

Anlass zu diesem Beitrag sind die vielen Mitarbeiter aller Ebenen, die in Schwierigkeiten geraten und im Brustton der Überzeugung klagen: „Aber der Chef hat nie etwas gesagt!“ Entlastet sind sie erst, wenn sie hinzufügen könnten: „… und nie etwas dazu gedacht.“ Das aber geht nicht – hätte er keine solchen Gedanken gehabt, wären jene Mitarbeiter nicht in Schwierigkeiten.

Kurzantwort:

Die erste Zeile des hier zitierten Liedes lautet: „Die Gedanken sind frei“, die Frage nach dem Erraten folgt dann danach (Achim von Arnim u. Clemens Brentano, „Des Knaben Wunderhorn“). Was das mit unserer Thematik zu tun hat?

Frage-Nr.: 372
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-01-13

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