Heiko Mell

Ist das Tun nur Mittel zum Zweck?

Antwort:

Wie beginnt ein Berufsweg? Im Studium steht ausschließlich die Sachkomponente im Mittelpunkt, Berührung mit anderen Aspekten gibt es kaum. In den ersten Jahren der Praxisbewährung ist das, was sachlich getan wird und zu tun ist, noch immer eindeutiger und fast stets einziger Schwerpunkt – wenn es auch über Chefs und Kollegen mehr und mehr Berührungspunkte gibt mit einer neuen „Welt“. In der geht es meist um anderes als nur um das Entwickeln, Berechnen, Planen, Projektieren, Produzieren, Vertreiben usw. Hier geht es um Ränge, Aufstieg, Macht und Einfluss.Gerade Techniker und andere Naturwissenschaftler neigen dazu, diese „anderen“ Aspekte eher als lästig denn als interessant und faszinierend einzustufen. Das ist ihr gutes Recht und soll es auch bleiben. Aber Denkanstöße sind erlaubt, oder?

Nehmen wir einmal an, Sie, liebe Leser, sitzen gerade an einem Sachproblem. Das Sie voll und ganz ausfüllt, derzeit im Mittelpunkt Ihres beruflichen Tuns steht und dem Sie sich mit Hingabe widmen. Springen Sie nun einmal 20 oder 30 Jahre in die Zukunft. Was glauben Sie, ist dann noch geblieben von der so engagiert betriebenen Sachlösung? Da niemand die Antwort kennt, gehen wir den umgekehrten Weg: Sehen Sie sich Lösungen an, die vor 20 oder 30 Jahren entstanden sind. Welche Bedeutung haben die heute noch? Was, vor allem, blieb letztlich davon für die Menschen, die sie damals schufen?

Die technisch-sachliche Lösung von damals hat zumeist keinen Bestand mehr, damit imponiert man heute niemandem. Und das wird in 30 Jahren ebenso sein – was wir heute mühsam schaffen, hat für den Schaffer seine Bedeutung auch fast nur für heute. Sie wollen ein Beispiel? Ich habe um 1966 an der Einführung der EDV in die Gehaltsabrechnung mitgewirkt. Die Maschine war zimmergroß und musste im vollklimatisierten Raum stehen. Und sie war lochkartengesteuert (Programm und alle Daten wurden über Lochkarten eingelesen). Wer will dazu heute noch Einzelheiten wissen? Darüber lächelt man jetzt ebenso wie über die meisten anderen Sachdetails aus jener Zeit. Aber ich habe den Konzern mit einer für mein Alter vorzeigbaren Position und mit vorzeigbarem Zeugnis verlassen. Beides hat heute noch seinen (bleibenden) Wert.

Worauf ich hinaus will? Auf ein Prinzip, das Sie kennen und in Ihre Planungen einbeziehen sollten, wie auch immer: Es ist in dieser Gesellschaft weniger von Bedeutung, was man tut, sondern was man ist. Und letzteres hat auch länger Bestand in den Augen anderer. Meine Arbeit mit der Lochkartenmaschine assoziiert aus heutiger Sicht Begriffe wie fast lächerlich, total überholt, eher mitleiderregend. Wäre ich jedoch damals „Leiter Org. / DV“ des Konzerns gewesen, könnte sich das heute immer noch sehen lassen.

Das bedeutet letztlich: Das was man tut, ist in der Langfristbetrachtung eher Mittel zum Zweck. Man hat mehr davon, wenn man es tut, um etwas zu werden. Wobei die These in der volkswirtschaftlichen Gesamtbetrachtung nicht haltbar ist. Aber aus der Sicht des ambitionierten Einzelnen spricht vieles dafür. Also kann es bei einer neuen Position interessanter sein, was ich dort werden kann. Interessanter als das, was ich dort tun soll.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 37
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-08-11

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