Heiko Mell

Wer den „Neuen“ nicht führt, darf sich nicht wundern

Antwort:

Viele Mittelstandsunternehmen, die vom Eigentümer oder von langjährig tätigen Geschäftsführern „wie vom Inhaber“ gelenkt werden, sind nicht nur äußerst erfolgreich, sie haben auch eine Besonderheit, auf die man im Traum nicht käme. Man muss das erleben – und dann auch noch aus der Analyse die richtigen Schlüsse ziehen. Das Phänomen heißt schlicht: „Im Tagesgeschäft findet eine systematische Führung des Managements und des sonstigen hochqualifizierten Personals praktisch nicht mehr statt.“ Damit kein Zweifel aufkommt: Der „Laden“ läuft dennoch, oft sogar „wie geschmiert“.

Hintergrund ist einfach die langjährige Dienstzugehörigkeit der Beteiligten: Der „oberste Chef“ sitzt dort seit zwanzig Jahren, vor ihm hat schon der Vater … Und dann fragen Sie einmal, wann solch ein Unternehmen den letzten Konstruktions- und Entwicklungsleiter oder Vertriebschef gesucht hat. Wer heute dort im Management tätig ist, hat oft schon die Ausbildung im Hause genossen, ging studieren, kam wieder, stieg langsam auf und blieb. Fluktuation im gehobenen Bereich gibt es kaum. Das Ergebnis: Alle sind aufeinander eingespielt, haben sich auf die gegenseitigen Stärken und Schwächen ausgerichtet, die „automatisch“ berücksichtigt werden. Müllers Begeisterung ist Strohfeuer, man muss rechtzeitig „Brennholz“ nachlegen. Schulze ist immer zehn Minuten vor Dienstbeginn da, Lehmann geht stets als Letzter und sitzt oft am Wochenende am Schreibtisch. Dass der „Boss“ keinen Widerspruch hören mag, haben alle begriffen, also widerspricht ihm erst einmal niemand. Aber nach drei Tagen, da hört der „große Meister“ dann wieder zu. Man ist aufeinander eingespielt wie ein altes Ehepaar. Alle individuellen Schlachten sind geschlagen, wer nicht mitspielen wollte, ist längst draußen. Der Chef weiß, inwieweit er sich auf seine Leute verlassen kann und wo man besser noch einmal nachhakt. Aber ein ständiges aktives Eingreifen mit laufendem Steuern und Nachregeln, mit dem Ziel, etwas aktiv ändern zu wollen, findet längst nicht mehr statt. Das aber würde man gemeinhin Führung nennen.

So weit, so gut. Eines Tages aber kommt ein Neuer ins Management. Ganz ohne solche „Störungen“ geht es ja auf Dauer denn doch nicht ab. Und dann lehnt sich der jeweilige Chef (er kann auch in der zweiten Ebene sitzen) erwartungsvoll zurück und setzt voraus, dass der Neue so reibungslos funktioniert wie Müller, Schulze oder Lehmann. Tut er aber nicht! Ihm fehlen acht bis zwanzig Jahre Training, die seine Kollegen in diesem System hinter sich haben. Also schlägt er über die Stränge – ohne zu wissen, dass es sie gibt und wo die sind. Der Chef und die Kollegen sind irritiert: Sein Arbeitsstil ist „unmöglich“, seine Spesenabrechnungen „gewagt“, seine Art zu diskutieren ist inakzeptabel.

Und überhaupt: So einer passt nicht hierher. Aber es wird nur durch Zufall einen geben, der so wie er kommt, dort auch hinpasst. Die anderen müssen aktiv zum Hineinpassen geführt werden. Das ist harte Arbeit, das kostet viel Zeit, das heißt, plötzlich Leitplanken neben die Fahrbahn setzen zu müssen, damit der Neue die Grenzen auch sieht, die die altgedienten Müllers und Co. schon kannten und respektierten. Führen ist anstrengend. Besonders, wenn man es fast schon verlernt hatte.

Kurzantwort:

Viele Mittelstandsunternehmen, die vom Eigentümer oder von langjährig tätigen Geschäftsführern „wie vom Inhaber“ gelenkt werden, sind nicht nur äußerst erfolgreich, sie haben auch eine Besonderheit, auf die man im Traum nicht käme. Man muss das erleben – und dann auch noch aus der Analyse die richtigen Schlüsse ziehen. Das Phänomen heißt schlicht: „Im Tagesgeschäft findet eine systematische Führung des Managements und des sonstigen hochqualifizierten Personals praktisch nicht mehr statt.“ Damit kein Zweifel aufkommt: Der „Laden“ läuft dennoch, oft sogar „wie geschmiert“.

Frage-Nr.: 362
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-07-02

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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