Heiko Mell

Die Bombe tickt, aber niemand hört hin

Antwort:

Ich bin, wie Sie hier gelegentlich lesen können, durchaus gegen überzogen häufige, vorschnelle oder in Panik erfolgende Arbeitgeberwechsel. Aber es gibt nur zu oft das andere Extrem: Da braut sich eine Katastrophe zusammen, jeder Fachmann sieht, dass mit der schlimmsten aller Entwicklungen gerechnet werden muss – aber der Kandidat wartet einfach ab. Hinterher hat er dann seinen Job verloren, muss sich unter dem Druck drohender oder schon eingetretener Arbeitslosigkeit bewerben und eine fühlbare Reduzierung seiner Marktchancen hinnehmen.

Ich sage nicht, dass bei jeder der folgenden Entwicklungen gewechselt werden muss, es kann ja auch ein kleines Wunder geschehen. Aber hier ist höchste Alarmstufe angesagt, mit dem Schlimmsten ist zu rechnen – und daher sind auf jeden Fall vorsorglich Bewerbungen zu schreiben:

1. Das Unternehmen steht zum Verkauf. Solch ein Gerücht lässt niemand leichtsinnig entstehen, es wird also schon etwas dran sein. Ein Eigentümerwechsel bedroht massiv die Manager, je höher sie stehen, desto mehr. Sie müssen mit der Entlassung rechnen – oder mit Umorganisationen, in deren Folge ihr Job wegfällt, woraufhin sie eben dann entlassen werden.

Nahezu unerträglich wird es auch für die meisten konzeptionell/gestalterisch tätigen qualifizierten Mitarbeiter: Alles was sie an Strukturen geschaffen, an Prozessen erdacht, an Richtlinien ersonnen haben, ist diskussionslos tot und wird durch die im Hause des Käufers üblichen Regelungen ersetzt. Das erträgt gerade der engagierte Mitarbeiter nur schwer. Denn nicht das Bessere setzt sich durch, sondern wer (den Kaufpreis) bezahlt, bestimmt alles.

 

2. Das Unternehmen ist kurz hintereinander mehrfach verkauft worden. Es lohnt sich nicht, auf seine Zukunft zu setzen. Mittelfristig bleibt hier kein Stein auf dem anderen, so etwas ruiniert auch die solideste Marktposition. Je mehr Sie dort schon gewesen sind oder erreicht haben, desto größer der drohende Verlust. Pförtner beispielsweise brauchen kaum etwas zu befürchten, die werden immer wieder gebraucht. Aber für Leistungsträger, die etwas bewegen wollen, stirbt der „Laden“ mit jedem neuen Eigentümerwechsel ein bisschen mehr. Und für externe Bewerber gilt: Wenn bisher vier Eigentümer bald wieder verkauft haben, wird es auch der fünfte tun.

 

3. Sie haben sich um die freie Position Ihres Chefs beworben, aber den Job bekommt ein anderer. Für den sind Sie vom ersten Tag an ein potenzieller Gegner: Sie wollten seinen Stuhl, wollen ihn vermutlich noch immer – und Sie sind ein Mitarbeiter, der mit seinem tatsächlichen Aufgabenbereich ja nicht mehr zufrieden ist, wie die Bewerbung zeigte. Ihr neuer Chef hat also mehrere Gründe, Sie schnellstmöglich loszuwerden. Und das wird er entschlossen angehen.

 

4. Die Kollegen in der Abteilung sind gegen Sie, es gibt ständig Streit zwischen Ihnen und dem Rest – sofern Sie sich dabei glücklicher fühlen, nennen Sie es Mobbing, es macht die Sache jedoch nicht besser. Wenn die Geschichte dem Chef lästig wird und wenn sein Vorrat an handelsüblichen Reaktionen erschöpft ist (allgemeine Appelle, gezielte Ermahnungen, Drohungen, aber auch „das gute Gespräch“), wird er ohne Interesse an der oder ohne Rücksicht auf die Schuldfrage auf die Lösung kommen, Sie zu entfernen, dann herrscht wenigstens wieder Ruhe in seinem Bereich. Schließlich kann er nicht gut alle anderen in die Wüste schicken – wer erledigt dann die Sachaufgaben?

 

5. Es gibt Widerstand gegen Ihren Chef – und Sie haben sich an die Spitze der Bewegung gestellt (oder schlimmer: drängen lassen). Jeder Vorgesetzte weiß: Man muss dem Widerstand den Kopf abschlagen, dann bricht alles in sich zusammen. Jede „Masse“ setzt sich aus wenigen Köpfen und vielen eher harmlosen Mitläufern zusammen. Daher werden die Anführer solcher Bewegungen immer zuerst „erschossen“.

 

6. Sie sind in einem Geschäftsbereich, für ein Produkt oder bei einer Tochter tätig, die nicht (mehr) zu den Kernaktivitäten des Hauses zählen – und dann vielleicht auch noch Verluste produzieren. Das Geschäftsklima ist rau, der Wettbewerb hart: mit Schließung und Entlassung muss gerechnet werden.

 

7. Sie bekommen einen neuen Chef, den Sie von Anfang an nicht leiden können. Es ist nur für geübte Schauspieler möglich, diese Abneigung zu verbergen. Kein Chef aber behält auf Dauer Mitarbeiter, die ihn erkennbar ablehnen. Außerdem ist Sympathie ebenso wie das Gegenteil meist gegenseitig. Und Chefs behalten nicht gern Angestellte, die sie nicht mögen.

 

8. Sie haben einen „tollen“ Chef, mit dem Sie hervorragend zusammenarbeiten. Sie sind „sein Mann“ oder „seine Frau“ – und jeder weiß das. Plötzlich wird dieser Vorgesetzte gefeuert. Die Wahrscheinlichkeit, dass man auch Sie als Parteigänger dieses „unfähigen“ oder aus sonstigen Gründen in Ungnade gefallenen Chefs bald loswerden will, ist sehr hoch.

 

9. Es hat sich etwas über Ihnen zusammengebraut, was Sie nicht bemerkt haben. Für Sie aus heiterem Himmel kommend, gibt der Chef einen Warnschuss ab: „Sagen Sie mal, Müller, stehen Sie überhaupt auf meiner Seite?“ Will heißen: Für ihn stehen Sie nicht bei ihm, wo Sie doch hingehören. Sein Ausspruch ist keine beiläufige Ermahnung, sondern ein Warnschuss knapp vor den Bug – die nächste Salve liegt dann im „Ziel“.

 

10. In Familiengesellschaften können Sie zwischen die Mühlsteine „Vater“ und „Sohn“ geraten. Der Patriarch wird alt, ist aber noch da, der Sohn drängt an die Macht und sieht alles anders. Jeder der beiden verlangt bedingungslose Loyalität gerade ihm gegenüber, wer der Gegenseite zuneigt, ist ein Hochverräter.

Zwischen Mühlsteinen aber wird man zerrieben. Und der Vater kann überraschend sterben, dann sind seine Parteigänger schutzlos, aber der Sohn kann ebenso überraschend gefeuert werden, dann gilt das mit der Schutzlosigkeit für seine Anhänger. Und nur zu oft zeigt sich, dass letzten Endes Blut dicker als Wasser ist und Angestellte sich als entbehrlich erweisen.

Es gibt sicher noch mehr potenzielle Konflikte, ich will mit diesen zehn Beispielen vor allem Ihren Blick für mögliche Gefahren schärfen. Mir liegt aber auch an einer Relativierung dieser Hinweise: Kein junger Mensch am Anfang seines Berufsweges muss befürchten, nun arbeitstäglich von mehreren dieser Konflikte bedroht zu werden. Es ist gut möglich, zehn Jahre lang zu arbeiten, ohne in die Nähe einer dieser „Zeitbomben“ zu geraten (mir waren nach dem Start fünf Jahre vergönnt, bevor die erste hochging).

Aber ich glaube nicht, dass jemand vierzig Jahre zwischen Studium und Rente übersteht, ohne das Ticken das eine oder andere Mal gehört zu haben.

Kurzantwort:

Ich bin, wie Sie hier gelegentlich lesen können, durchaus gegen überzogen häufige, vorschnelle oder in Panik erfolgende Arbeitgeberwechsel. Aber es gibt nur zu oft das andere Extrem: Da braut sich eine Katastrophe zusammen, jeder Fachmann sieht, dass mit der schlimmsten aller Entwicklungen gerechnet werden muss – aber der Kandidat wartet einfach ab. Hinterher hat er dann seinen Job verloren, muss sich unter dem Druck drohender oder schon eingetretener Arbeitslosigkeit bewerben und eine fühlbare Reduzierung seiner Marktchancen hinnehmen.

Frage-Nr.: 360
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-06-18

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