Heiko Mell

Es wird zu viel gewechselt!

Antwort:

Wer erstmals in seinem Leben eine größere Menge von Bewerbungen lesen muss, ist geschockt: „So“ katastrophal hatte er sich die angebotenen Qualifikationen nicht vorgestellt. Der Fachmann hätte es gewusst, schließlich enden nach wie vor mehr als 80 bis 90 % der Zuschriften mit dem Vermerk „ungeeignet / Absage“ nach erster Durchsicht.

Einen ganz entscheidenden Anteil daran hat die „Dienstzeit pro Arbeitgeber“. Mittelständische Firmen schätzen Mitarbeiter, die langfristig dort tätig sind. In Großbetrieben gibt es immer noch den Typ des Angestellten, der nach dem Berufseinstieg kommt und bis zur Pensionierung bleibt. Keine Firma jedoch zeigt Interesse an qualifizierten Bewerbern, die „versprechen“, spätestens nach zwei Jahren wieder zu gehen.

So deutlich sagt das natürlich niemand, auf eine gezielte Frage hin wird jeder Bewerber engagiert versichern, er denke ausschließlich an ein langfristiges Engagement. Da das alle sagen, die Praxis aber ständig Lebensläufe mit viel zu kurzen Zeiten auf den Tisch des Entscheiders spült, hat diese mündliche Zusicherung keinen Wert.

Der Entscheider schaut hingegen auf die Vergangenheit des Bewerbers und geht – die Lebenserfahrung stützt diese Vermutung – davon aus, der Kandidat werde in Zukunft so weitermachen. Dieses Grundprinzip ist eine tragende Säule der ganzen Bewerberbeurteilung und gilt nicht nur bei Dienstzeiten, sondern auch bei der Fachqualifikation, bei Eigenschaften und Fähigkeiten. Wir schauen auf dokumentierte Erfolge sowie beschriebene (Zeugnisse) Qualifikationsdetails – und unterstellen, dass der Kandidat so weitermacht wie bisher: ein Erfolgreicher bleibt erfolgreich, ein Fauler bleibt faul, ein Überflieger fliegt auch in Zukunft etc. Und ein Häufigwechsler wird auch hier bald wieder gehen. Das wäre ärgerlich, da ist gerade die aufwendige Einarbeitung abgeschlossen, die hohen Beschaffungskosten haben sich noch nicht bezahlt gemacht.

Daraus folgt: Lebensläufe mit kurzen Dienstzeiten pro Arbeitgeber sind nach Möglichkeit zu vermeiden. Das klingt mitunter einfacher als es ist und führt zu folgender Empfehlung:

a) Wenn es ein zwingendes, Sie entlastendes Argument für das schnelle Verlassen eines Arbeitgebers gibt oder gab, führen Sie das im Lebenslauf(!) am Schluss der entsprechenden Tätigkeit auf. Beispiel: „Unternehmen ging in Insolvenz“.

b) Wenn Sie in ungekündigtem, unbefristetenArbeitsverhältnis stehen und nicht wechseln müssen, denken Sie an den Aufbau eines Zeitpolsters. Bleiben Sie dort, wo es geht, etwas länger, dann haben Sie Spielraum, wenn es später einmal zwangsläufig nur zu einer kurzen Dienstzeit kommt. Sie wissen nie, was die Zukunft bringt! Auch Ihr Bankbetreuer freut sich, wenn Ihr Konto nicht vom Tage der Eröffnung an stets nur am Rande der Grenze des Dispositionskredits dahinsiecht. Hier wie dort gilt für Menschen: Sie tun es immer wieder.

c) Sofern sich die Fälle häufen, lässt der Wert guter „Ausreden“ nach. Schließlich ist der Mitarbeiter gesucht, der als Erfolgstyp durchgeht, nicht der mit guten Erklärungen für Misserfolge.

Als Grundregel gilt: Fünf Dienstjahre pro Arbeitgeber sind anzustreben, in der ersten Anstellung nach dem Studium werden auch zwei Jahre toleriert (siehe aber b).

Kurzantwort:

Wer erstmals in seinem Leben eine größere Menge von Bewerbungen lesen muss, ist geschockt: „So“ katastrophal hatte er sich die angebotenen Qualifikationen nicht vorgestellt. Der Fachmann hätte es gewusst, schließlich enden nach wie vor mehr als 80 bis 90 % der Zuschriften mit dem Vermerk „ungeeignet / Absage“ nach erster Durchsicht.

Frage-Nr.: 359
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 23
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-06-11

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