Heiko Mell

Woran man – auch – faule Angebote erkennen kann.

Antwort:

Ich weiß, dass ich meinen Lesern gelegentlich einiges zumute. Ich fürchte, ich muss mich heute noch übertreffen. Gern gebe ich zu, dass die ganze Geschichte paradox genannt werden kann. Aber das ändert nichts, die Verhältnisse sind so:

Es gibt ganz zweifelsfrei „faule“ Jobs, Anstellungsverhältnisse, die vorhersehbar im Chaos enden, mindestens in arbeitgeberseitiger Entlassung. Lebensläufe zeigen, dass manche Menschen auf scheinbar geheimnisvolle Weise eine dieser „Chancen“ nach der anderen aufspüren und Verträge dort unterschreiben. Während, dies nur am Rande erwähnt, andere 40 und mehr Berufsjahre hinter sich bringen, ohne einmal auf eines dieser Angebote hereingefallen zu sein.

Definieren wir zuerst: Ein fauler Job sieht scheinbar gut aus, klingt gut, ist in einem vermeintlich anständigen Unternehmen angesiedelt – aber wenn man ihn antritt, kommen nach und nach Details ans Tageslicht, die letztlich die Aufgabe unerfüllbar machen. Es wäre für die betroffenen Mitarbeiter außerordentlich hilfreich, hätten sie rechtzeitig um die Gefahren gewusst. Teils, um gar nicht dort anzufangen, teils um nach Dienstantritt wenigstens mit äußerster Vorsicht zu Werke zu gehen und nicht eines Tages von „plötzlich auftauchenden Schwierigkeiten“ überrascht zu werden.

Das Problem dabei – gleichzeitig zentraler Teil der Lösung -: Der Lebenslauf betroffener Mitarbeiter war schon vor dem Antritt dieser Position(en) schwer oder sehr schwer angeschlagen. Gerade ihnen hätte eine Wiederholung des oder der Fiaskos nicht passieren dürfen.

Also woran hätten sie die Gefahr bei diesem Angebot erkennen können? Klar ist: Objektive Kriterien zur Entscheidungsfindung scheiden aus. Selbst wenn es sie gäbe: Der angeschlagene Kandidat mit mehrfach kritisch vorbelastetem Lebenslauf, der sich aus längerer Arbeitslosigkeit heraus bewirbt, ist außerstande, jetzt eine systematische, objektive Gefahrenanalyse durchzuführen. Und er will es auch nicht – scheint doch genau dieses Angebot geeignet zu sein, alle seine Werdegangprobleme mit einem Schlag zu lösen und zu einem erfolgreichen, lang andauernden Arbeitsverhältnis in Harmonie und Frieden zu führen.

Aber es gibt eine Kontrollüberlegung, die zur richtigen Erkenntnis geführt hätte und nur ein klein wenig die Fähigkeit zur realistischen Selbsteinschätzung voraussetzt:

Wer mir mit meinem derart „angeschlagenen“ Werdegang und diesen Vorbelastungen einen anscheinend rundum tollen Job anbietet ohne Ecken und Kanten und ohne erkennbare Risiken, der muss verrückt sein oder er verbirgt etwas! Es gibt doch auch Bewerber mit Top-Unterlagen, warum wurde keiner davon eingestellt?

Die Antwort ist eindeutig: Jene anderen Kandidaten hatten genügend Zeit zur objektiven Prüfung, sie hatten ihren Instinkt – und abgesagt. Oder vor denen hatte man Angst, weil sie schnell die Hintergründe erkannt und negativ reagiert hätten. Aber jemand mit großer Vorbelastung darf nicht meckern – und wo sollte er denn auch hin mit diesem Lebenslauf?

Wenn Sie also angeschlagen sind und man Ihnen einen scheinbar rundum tollen Job anbietet, seien Sie zumindest gewarnt. Ob Sie dennoch unterschreiben, liegt an den Alternativen, die Sie haben. Wenn jedoch der Standort unattraktiv, die Position eher ein Rückschritt und die Bezahlung eher schlecht ist, können Sie relativ beruhigt sein, dann reagiert das System konsequent logisch (im anderen Fall auch, Sie haben es nur nicht erkannt).

Oder: Es ist grundsätzlich nicht möglich, einen angeschlagenen Lebenslauf durch Übernahme einer einzigen rundum passenden und soliden Position, die noch dazu einen Aufstieg bedeutet, zu „heilen“. Aus einer tiefen Schlucht kann man sich nur durch eine Anzahl mühsamer, kleinerer Schritte wieder herausarbeiten.

Kurzantwort:

Ich weiß, dass ich meinen Lesern gelegentlich einiges zumute. Ich fürchte, ich muss mich heute noch übertreffen. Gern gebe ich zu, dass die ganze Geschichte paradox genannt werden kann. Aber das ändert nichts, die Verhältnisse sind so:

Frage-Nr.: 356
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-05-07

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