Heiko Mell

Ein Prinzip nicht zu Tode reiten

Antwort:

So ganz genau weiß niemand, wie „die“ erfolgreiche Bewerbung im Detail aussehen muss, welche Fakten, allgemeinen Darstellungen und lobenden Formulierungen garantiert den größten Erfolg versprechen. Die Erfolgsquote hängt u. a. ab von

– der Art der Position, der Branche und der Struktur des Zielunternehmens,

– der Anzahl und der Qualifikation der Mitbewerber und

– der individuellen Einstellung des lesenden Entscheidungsträgers.

Da Sie die meisten dieser Kriterien nicht kennen – und da sich z. B. die individuellen Maßstäbe der Empfänger durchaus je nach Lage und Laune kurz- oder mittelfristig ändern können, sind Sie nie sicher, die allein richtige Variante gewählt zu haben. Ein wenig stochern Sie stets im Nebel. Das gilt insbesondere dann, wenn Sie ein relativ „bewegtes“ Berufsleben haben, das vielfältig interpretierbar ist und für das es natürlich eine ganze Palette von Darstellungs- und Erklärungsmöglichkeiten gibt. Es gilt aber auch für die eigentlich ganz simple Beantwortung der Frage nach dem Gehalt (die Sie theoretisch ignorieren und praktisch auf höchst unterschiedliche Art und Weise beantworten können). Und weil das alles so unbestimmt ist, gilt folgende Grundregel:
Sie legen eine Standardversion für den Start fest, diese verschicken Sie erst einmal so etwa in zehn bis zwanzig Fällen, je nach Lage auf dem Arbeitsmarkt. Die energisch empfohlene Ausrichtung jeder einzelnen Bewerbung auf die konkrete Position hin muss selbstverständlich dennoch beibehalten werden! Hier aber geht es um die eher „strategisch/grundsätzliche“ Ausrichtung Ihres Vorgehens, Ihrer Präsentation und Argumentation.

Dann führen Sie eine Erfolgskontrolle durch. Wenn Sie deutlich weniger als etwa zwei bis vier Einladungen auf zehn Bewerbungen haben, ist Veränderung des Vorgehens angesagt. Stellen Sie Ihre Standardversion auf den Prüfstand und variieren Sie sie. Dafür eignen sich beispielsweise in den Bereichen

Äußerer Aufbau die Varianten E-Mail oder Postmappe (sofern erlaubt), Lebenslauf chronologisch oder falsch herum (amerikanisch), Deckblatt nur mit Foto oder ganz weglassen, mit „Was Sie sonst noch über mich …“ oder ohne;

beim Anschreiben verschiedene Varianten der Vorstellung der eigenen Person und Qualifikation, der Begründung für die Bewerbung bzw. für den Wechselwunsch, der Lösung des Problems „Angaben zum Gehalt“, der Darstellung von evtl. Kündigung, Aufhebungsvertrag und Freistellung;

im Lebenslauf verschiedene Arten der Darstellung des Diplomarbeitsthemas, verschiedene Varianten der Vorstellung der einzelnen Arbeitgeber und der eingenommenen Positionen/ausgeübten Tätigkeiten, unterschiedliche Formulierungen zu verschiedenen Fach- und Sprachkenntnissen, Kürzungen bei „alten“ und/oder mehr Ausführlichkeit bei „jüngeren“ Jobs; Erläuterungen zum Arbeitgeberwechsel in kritischen Fällen ja oder nein, Hobbys erweitern oder weglassen;

bei Zeugnissen die verschiedenen Lösungen zur Ausführlichkeit (Abitur ja oder nein, etwas problematische Zwischenzeugnisse ggf. weglassen, Seminarbescheinigungen ausweiten oder reduzieren).

Und schließlich können Sie noch die Art der Zielpositionen verändern (im Führungsanspruch hinauf- oder hinuntergehen, auf Branchen- oder Tätigkeitswechsel verzichten oder sie forcieren, mehr Konzern oder mehr Mittelstand anstreben, bundesweit suchen statt nur rund um den heimischen Kirchturm).

Sie sehen, so schnell sind die denkbaren Varianten nicht erschöpft. Und mag ein von Ihnen ursprünglich erdachtes Prinzip noch so bestechend geklungen haben: Nur was Erfolg hatte, taugt letztlich etwas. Aber reiten Sie kein Prinzip zu Tode, so überzeugend es auch ursprünglich auf Sie gewirkt haben mag. Auch Arbeitgeber schreiben eine Personalanzeige um, wenn der Erfolg ausbleibt.

Kurzantwort:

So ganz genau weiß niemand, wie „die“ erfolgreiche Bewerbung im Detail aussehen muss, welche Fakten, allgemeinen Darstellungen und lobenden Formulierungen garantiert den größten Erfolg versprechen.

Frage-Nr.: 351
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-01-21

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